Wer sich unter einem Mistelzweig küsst, dem werden Glück, Liebe und eine lange Beziehung versprochen. Als Weihnachtsbrauch hängt die Mistel bei vielen im Türrahmen. Im Wald jedoch sorgt sie weniger für Romantik, sondern kann für Bäume zur Belastung werden. Was die Mistel eigentlich ist und warum sie immer mehr zum Problem wird, erfahrt Ihr in diesem Artikel. 

Grüne Mistel Büsche in kahler, winterlicher Krone eines Laubbaumes.
Grüne Mistel Büsche in kahler, winterlicher Krone eines Laubbaumes.

Schmarotzer des Waldes

Die Mistel (Viscum album L.) zählt zu den wenigen parasitischen Pflanzen in Deutschland. Schaut man jedoch genauer hin, entpuppt sie sich gar nicht als „echter“ Parasit. Vielmehr handelt es sich bei der Mistel um einen sogenannten Halbparasiten oder Halbschmarotzer. Wie jede andere grüne Pflanze betreibt auch sie Photosynthese und deckt einen Großteil ihres Nährstoffbedarfs selbst, weshalb sie nur ein “Halb”parasit ist. Da Misteln meist hoch oben in der Baumkrone wachsen, haben sie keinen Kontakt zum Boden. An Wasser und Bodennährstoffe gelangen sie deshalb nicht aus eigener Kraft. Stattdessen nutzen sie ihren Wirt, den Baum, auf dem sie leben, wie eine natürliche Versorgungsleitung: Über dessen Leitbahnen lässt sich die Mistel Wasser und Nährstoffe vom Wurzelbereich bis hinauf in die Krone transportieren. Dort oben entwickeln sich die grünen Büsche, die erstaunlich langlebig sind und bis zu 60 Jahre alt werden können.

Wusstest Du schon…?
Die Mistel gilt als Heilpflanze. Mit Misteln werden nicht nur Gelenkbeschwerden behandelt, sie lindert auch Schmerzen bei bösartigen Tumoren und hat positive Auswirkungen auf die Psyche. Zum Einsatz kommt sie dabei auf verschiedene Weise: als Tropfen, Säfte, Tabletten oder Injektionen bei Krebstherapien. Unverarbeitet ist die Mistel jedoch giftig und kann beim Menschen zu Magenproblemen führen.

Hier haben wir in Orange grob nachgezeichnet, wie weit die Mistel in einen Ast hereinwächst. Ganz schön frech, oder?

Wie erkennt Ihr Misteln?

Am einfachsten lassen sich Misteln im Winter entdecken. Dann heben sich die grünen, kugeligen Büsche deutlich von den sonst kahlen Baumkronen ab. Manche erreichen dabei einen Durchmesser von bis zu einem Meter. Da Misteln Sonne und Wärme lieben, befinden sie sich meist hoch oben im Kronenbereich der Bäume. Ihre ledrigen, länglichen Blätter sind immergrün und behalten das ganze Jahr über ihre Farbe. Im Frühjahr, zwischen März und Mai, blüht die Mistel gelblich-grün. Im Spätherbst bildet die Mistel ihre Samen in den typisch klebrigen, weißen Beeren.

Winterkahler Laubbaum mit starkem Mistelbefall
Bei diesem Laubbaum sieht man erst im Winter, wie stark die Krone mit Misteln befallen ist. 

Wusstest Du schon…?
Die Mistel steht nicht unter Naturschutz. Als Privatperson dürft Ihr daher beim Spaziergang in der freien Natur kleine Mengen mitnehmen. Vorausgesetzt, Ihr kommt überhaupt an sie heran. Erlaubt ist das über die sogenannte “Handstraußregelung”: Man darf so viele mitnehmen, wie in eine Hand passen.

Fliegende Helfer: Vögel als Mistel-Verbreiter

Misteln und Vögel sind ein perfektes Team. Die Pflanzen können sich nicht selbst verbreiten und sind daher auf die gefiederten Helfer angewiesen. Gleichzeitig sind die Beeren der Mistel ein willkommener und wichtiger Winter-Snack für einige Vogelarten wie die Misteldrossel oder Mönchsgrasmücke, die als Hauptverbreiter der Halbschmarotzer gelten. Beim Auszupfen der Beeren wird die zähe Fruchtwand verletzt, erst dadurch kann der darin enthaltene Samen keimen. Da die Beeren nur kurz im Verdauungstrakt der Vögel bleiben, legt der Samen keine besonders weiten Strecken zurück und wird schließlich irgendwann wieder ausgeschieden. Zudem sind die Beeren stark klebrig und bleiben häufig an Schnabel oder Federn der Vögel haften. Beim Abstreifen an Ästen oder der Rinde bleibt der Samen zurück, wodurch sich dort neue Misteln bilden können. 

Die weißen Beere einer Mistel
Das sind die weißen, klebrigen Beeren der Mistel.

Wusstest Du schon…?
In Mitteleuropa unterscheidet man drei Unterarten der Mistel. Die Laubholzmistel besiedelt viele verschiedene Baumarten, z.B. Linden, Pappeln und Obstbäume. Die Tannenmistel und die Kiefernmistel haben ihre Lieblingswirte bereits im Namen verraten. Spannend ist, dass auf der Buche trotz allem keine Misteln wachsen. Ein kleines Rätsel der Natur, das zeigt, wie speziell diese grünen Halbschmarotzer ihren Platz im Wald finden.

Der Zapfhahn der Mistel

Ist der Samen des grünen Halbschamrotzers erst einmal auf der Rinde gekeimt, entwickeln sich sogenannte Saug- oder auch Senkwurzel, die in die Leitbahnen des Baumes hineinwächst und Wasser sowie Nährstoffe „anzapft“. Das Einwachsen der Wurzel kann sogar den Wert des Holzes mindern. Doch der Baum ist nicht wehrlos. Besonders gesunde Bäume können sich behaupten. Mit ihrem stetigen Dickenwachstum überwachsen sie die Mistel im Laufe der Zeit regelrecht, bis diese schließlich abstirbt.

Grüner Mistelbusch am Stamm einer Kiefer
Ein grüner Mistelbusch am Stamm einer Kiefer sieht fast aus wie ein Vogelnest. 

Gewinner des Klimawandels 

Aber warum wird die Mistel immer öfter kritisch gesehen? In den letzten Jahren hat sich die Mistel stark verbreitet. Die zunehmende Trockenheit hat viele Bäume geschwächt. Das macht es den Misteln leicht, sich auf ihren Wirten festzusetzen. Schwache Bäume können neu keimende Misteln nur schwer überwachsen. Zudem verlieren beispielsweise geschwächte Nadelbäume häufig ihre Nadeln, wodurch sich ihre Krone öffnet und für mehr Licht sorgt, was das Wachstum der Mistel begünstigt.

Besonders Kiefern (Pinus sylvestris) sind betroffen. Normalerweise regulieren sie in Trockenzeiten ihren Wasserverbrauch, indem sie die Atemöffnungen ihrer Nadeln schließen. Misteln hingegen tun das nicht: Sie zapfen weiterhin Wasser aus den Leitbahnen der Kiefer ab, genau dann, wenn der Baum ohnehin schon wenig Wasser zur Verfügung hat. Das setzt den Baum zusätzlich unter Stress. Bei stark befallenen Bäumen kann dies im schlimmsten Fall zum Absterben führen. Zudem sind geschwächte Bäume ein leichtes Ziel für weitere Schädlinge. Ist ein Gebiet einmal befallen, kann sich die Mistel in den kommenden Jahren auf die umliegenden Bäume ausbreiten. Tröstlich ist jedoch, dass dies nicht sofort passiert: Oft dauert es mehrere Jahre, sodass es noch Handlungsmöglichkeiten gibt, bevor der Befall kritisch wird.

Kiefer mit Mistelbefall in der Krone
Kiefer mit Mistelbefall in der Krone: Die grünen Büsche unten links und rechts fügen sich fast nahtlos zwischen die Nadeln ein.

Nach all der weihnachtlichen Stimmung des letzten Monats hättet Ihr gedacht, dass die Mistel, die wir als romantischen Weihnachtsbrauch kennen, sich in Wirklichkeit als zunehmendes Problem unserer Wälder darstellt? Schreibt es uns in die Kommentare.

Dieser Artikel ist von unserer neuen Autorin Laura! Ganz schön cool für einen allerersten Artikel, oder?

Quellen:

https://pflanzen.fnr.de/industriepflanzen/arzneipflanzen/pflanzen-auswahl/mistel

https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/baeume-und-waldpflanzen/straeucher-krautpflanzen/biologie-der-mistel

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/kiefern-mistel-ein-zukunftsproblem

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/trockenheit/ungebetene-saeufer

https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/klima-und-umwelt/klimawandel-und-co2/mehr-misteln-wegen-der-klimaerwaermung

https://www.br.de/radio/bayern1/misteln-naturschutz-100.html