Auf den ersten Blick wirken verschneite Berggipfel ruhig und harmlos. Doch aus der weißen Pracht kann in Sekunden eine tödliche Gefahr entstehen. Was im Winter idyllisch aussieht, kann im Gebirge schnell gefährlich werden. Schneemassen geraten ins Rutschen und Lawinen entstehen. Eine zentrale, aber oft unterschätzte Rolle spielt dabei der Lawinenschutzwald. Warum der Bergwald dabei eine wichtige Rolle spielt, erklären wir Euch in diesem Artikel.

Gebirgswälder sind mehr als Landschaft. Sie schützen Hänge und Täler vor Lawinen. 

Ursachen und Entstehung von Lawinen

Lawinen können durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden. Durch Tiere, Skifahrer:innen, die sich außerhalb der Piste befinden, oder auch von selbst. Vor allem wenn sich große Schneemassen in sehr steilem Gelände sammeln, steigt die Gefahr, dass diese plötzlich abrutschen können. Lawinen entstehen vor allem an Hängen, welche steiler als 30° sind. Besonders wenn in kurzer Zeit viel Neuschnee fällt, steigt das Risiko für Lawinen. 

Jedes Jahr gehen weltweit etwa 25.000 Lawinen ab – meist ohne dabei jemandem oder etwas Schaden zuzufügen. 

Wusstest Du schon…?
Oft ist beim Wald von drei Funktionen die Rede: Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion. In Gebirgsregionen, wie etwa in Österreich, wird jedoch genauer unterschieden, da der Wald dort besonders viele Aufgaben erfüllt. Neben der Nutzfunktion (z. B. Holzproduktion) und der Erholungsfunktion umfasst die sogenannte Wohlfahrtsfunktion unter anderem den Natur-, Klima- und Bodenschutz. Davon getrennt betrachtet man die Schutzfunktion des Waldes: Sie beschreibt den Schutz vor Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag oder Erdrutschen. Gerade im Gebirge ist diese Schutzfunktion entscheidend, um Menschen, Siedlungen und Infrastruktur in den Tälern zu sichern. 

Die meisten Lawinen fügen niemandem Schaden zu. Der Lawinenschutzwald hilft dabei, dass das so bleibt.

Wie der Wald vor Lawinen schützt

Wälder können einen wirksamen Schutz vor Lawinen bieten, was eine der wichtigsten Funktionen des Gebirgswaldes ist. Dabei wirken sie auf zwei unterschiedliche Arten: vorbeugend und abschwächend. 

Besonders bedeutend ist die vorbeugende Schutzwirkung. Ein intakter Wald kann verhindern, dass sich Schneemassen überhaupt erst lösen und eine Lawine entsteht. Er stabilisiert die Schneedecke auf vielfältige Weise: Ein Teil des Schnees bleibt bereits in den Baumkronen hängen und erreicht den Boden gar nicht. Gleichzeitig sorgt der Wald für ein ausgeglicheneres Klima innerhalb des Bestandes. Im Vergleich zu offenen Flächen erwärmt sich der Schnee tagsüber weniger stark und kühlt nachts weniger aus. Dadurch entstehen seltener schwache Schichten im Schnee, die Lawinen begünstigen. Auch der Wind wird im Wald gebremst, sodass es zu weniger Schneeverfrachtungen kommt. Insgesamt wirkt der Wald damit stabilisierend auf die Schneedecke.

Die abschwächende Wirkung des Waldes ist dagegen nicht ganz so stark Lawinen, die weit oberhalb der Waldgrenze anbrechen, lassen sich meist nicht aufhalten. Besonders bei großen Schneemengen und hohen Geschwindigkeiten kann der Wald zerstört werden. Mitgerissene Bäume und Holz verstärken dann sogar die zerstörerische Kraft der Lawine. Zudem können niedrige, vollständig überschneite Bäume oder Arten mit biegsamen, buschartigem Wuchs,  wie etwa die Grünerle, die Lawinenbildung unter Umständen sogar begünstigen.

Trotzdem kann der Wald eine bremsende Wirkung auf Lawinen haben. Wenn eine Lawine nur knapp oberhalb der Waldgrenze anbricht, kann sie je nach Beschaffenheit des Waldes auch vollständig vom Wald aufgehalten werden. Besonders in der Auslaufzone kann der Wald die Reichweite von Lawinen verringern. 

Doch wie muss ein Wald beschaffen sein, damit er seine Schutzfunktion bestmöglich erfüllen kann?

Hier liegt zum Glück bisher nur wenig Schnee, so kann der Winterwald sich sicher von seiner besten Seite zeigen.

Was einen guten Lawinenschutzwald ausmacht 

Damit ein Wald ideal vor Lawinen schützen kann, muss er gewisse Bedingungen erfüllen. Ein guter Lawinenschutzwald wird daher als Dauerwald bewirtschaftet, um seine Schutzfunktion langfristig zu sichern. 

Entscheidend ist, dass die Bäume die Schneedecke durchstoßen und so stabilisieren. Als Faustregel gilt: Die Bäume sollten mindestens doppelt so hoch wie die Schneedecke sein. Zusätzlich spielt eine Rolle, wie rau der Boden ist. Unebenheiten am Boden bremsen Schneebewegungen und senken so das Lawinenrisiko. Je nach Hangneigung und Schneehöhe wären dafür teilweise 500 bis 1.000 Stämme pro Hektar notwendig – eine Dichte, die in der Praxis jedoch nur selten erreicht wird.

Bei der Holzernte können Stöcke bewusst höher belassen werden, um die Bodenrauhigkeit zu erhöhen. 

Neben lebenden Bäumen tragen auch Totholz und höhere Stöcke dazu bei, die Bodenrauhigkeit zu erhöhen. Ebenso wichtig ist die Baumartenwahl: Winterkahle Arten wie die Lärche sind besonders widerstandsfähig und finden sich häufig an den Rändern von Lawinengängen. Für die vorbeugende Schutzwirkung sind jedoch vor allem immergrüne Baumarten mit höherer Schneerückhaltefähigkeit, wie etwa die Fichte, von großer Bedeutung. 

Neben der Baumartenwahl ist es ebenso wichtig, dass die Bäume eine gewisse Höhe haben, um effektiv vor Lawinen zu schützen. Eine Lawine kann erst aufgehalten werden, wenn die Bäume mindestens doppelt so hoch sind wie die Schneedecke.  

Wo Wald an Grenzen stößt, hilft Technik

Klimawandel, großflächige Borkenkäferkalamitäten und starker Wildverbiss setzen den Lawinenschutzwald zunehmend unter Druck. Ist der Wald geschädigt oder fehlt er ganz, kann er seine Schutzfunktion nicht mehr ausreichend erfüllen. In solchen Fällen kommen zusätzliche technische Maßnahmen zum Einsatz, um Täler und Siedlungen vor Lawinen zu schützen.

In Österreich übernimmt diese Aufgabe unter anderem die Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) als Teil des Forsttechnischen Dienstes. Neben der gezielten Bewirtschaftung und Wiederherstellung von Schutzwäldern plant und realisiert die WLV auch technische Schutzmaßnahmen – insbesondere dort, wo kein Wald vorhanden ist oder ein zusätzlicher Schutz erforderlich ist. 

Stahlschneebrücken im Lesachtal verhindern das Anbrechen von Lawinen.

Das Spektrum dieser Maßnahmen ist breit: Es reicht von kleineren Eingriffen wie Seil- und Schneenetzen, die die Bodenrauhigkeit erhöhen und Schneebewegungen bremsen, bis hin zu großdimensionierten Bauwerken wie Stahlschneebrücken oder Lawinenauffangdämmen, die ganze Gemeinden in den Tälern schützen.

Aus wirtschaftlicher Sicht bleibt der intakte Schutzwald jedoch die effektivste und kostengünstigste Lösung. Technische Bauwerke verursachen häufig ein Vielfaches der Kosten im Vergleich zur langfristigen Erhaltung und Pflege eines funktionsfähigen Lawinenschutzwaldes.

Wusstest Du schon…?
Ein intakter Schutzwald ist deutlich kostengünstiger als technische Lawinenschutzmaßnahmen. Als Faustregel gilt: Die Kosten verhalten sich etwa wie 1:10:100 – für Erhaltung des Waldes, Wiederherstellung des Waldes und technische Bauwerke.

Lawinenauffangdämme halten Schneemassen auf, wie hier in der Steiermark.

Schutzwald – auch bei uns ein Zukunftsthema  

Die Schutzfunktion des Waldes, etwa vor Lawinen, Steinschlag oder Erdrutschen, spielt im deutschen Forststudium bislang eine eher untergeordnete Rolle. Das ist angesichts der Topografie Deutschlands nachvollziehbar. Gleichzeitig zeigen zunehmende Extremwetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen, dass der Wald auch hierzulande eine wichtige Schutzfunktion übernimmt. Diese wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. 

In alpinen Regionen ist das Wissen über den Lawinenschutzwald dagegen präsenter. Viele Wintersportler:innen begegnen ihm im Skiurlaub, oft ohne sich dessen Wirkung bewusst zu sein. Umso wichtiger ist es, die Schutzfunktion des Waldes sichtbar zu machen, nicht nur in den Bergen, sondern auch vor unserer eigenen Haustür. 

Habt Ihr schon einmal vom Lawinenschutzwald oder von der Schutzfunktion des Waldes gehört? Schreibt es gerne in die Kommentare!

Quellen:

Huber, A.; Hainzer, E.; Kofler, A.; Fischer, J.-T. (2015) Die Schutzwirkung des Waldes in der Lawinensimulation. Ländlicher Raum. 03/2015 https://www.bmluk.gv.at/dam/jcr:57e4ab87-3216-41fb-a11f-0fc38baa089e/09_Schutzwirkungen%20des%20Waldes.pdf

Margreth, S. (2004) Die Wirkung des Waldes bei Lawinen. Forum für Wissen 21-26 https://www.waldwissen.net/assets/wald/schutzfunktion/schnee/wsl_wald_lawinen/download/wsl_wald_lawinen_originalartikel.pdf.pdf

Neumann, M. (2025) Schutzwirkung von Wald gegen Lawinen. Lehrveranstaltung Spezieller Waldbau für Schutzwälder. 10.04.2025. Universität für Bodenkultur, Wien 

https://www.wsl.ch/de/news/ab-wann-baeume-vor-lawinen-schuetzen

https://www.geo.de/geolino/natur-und-umwelt/18219-rtkl-weisse-wucht-wie-entsteht-eine-lawine

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https://www.naturgefahren.at/naturgefahrenmanagement/diewildbachundlawinenverbauung.html