Wir brauchen auch in Zukunft gesunde Wälder, vor allem brauchen wir in diesen eine größtmögliche Baumartenvielfalt. Förster:innen sind seit Jahren dabei, dem Wald unter die Arme zu greifen, um ihn klimafit zu gestalten. Stichwort Waldumbau! Dazu nutzen sie unter anderem Bäume, die in Baumschulen aus einer kleinen Frucht oder einem Saatkorn herangezüchtet wurden. Doch woher kommt eigentlich das Saatgut für alle diese Bäume? Kann man das einfach vom Boden aufsammeln? Nicht ganz. Für manches Saatgut, beispielsweise der Tanne, müssen Zapfenpflücker:innen bis zu 35 m hoch hinauf in die Baumkronen – ganz schön wackelig und gefährlich. Was vom Sammeln des Saatgutes bis zum Pflanzen eines neuen Baumes noch alles passieren muss, erfahrt Ihr in diesem Artikel.
Wusstest Du schon…?
Während bei der Fichte die Zapfen nach unten hängen, stehen die Zapfen der Tanne auf dem Ast. Sie lösen sich irgendwann langsam auf und rieseln als Einzelteile auf den Boden. Wenn Ihr auf dem Waldboden also einen ganzen Zapfen seht, kann es sich dabei niemals um einen Tannenzapfen handeln.

Vom Mutterbaum zum Wald von morgen
Bei der Saatguternte werden die Samen, Zapfen oder die Früchte von Bäumen geerntet, um daraus neues Pflanzmaterial für Baum-Nachwuchs zu erzeugen. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel und den Waldumbau spielt die Gewinnung von hochwertigem Saatgut eine zentrale Rolle. Aus dem geernteten Saatgut sollen gesunde und qualitative neue Bäume wachsen. Bis so ein neuer Baum aber wieder irgendwo in den Wald gepflanzt wird, steht erstmal einiges an Arbeit an: Zunächst identifiziert man geeignete Samenbäume, das Saatgut muss man ernten und lagern bzw. weiterverarbeiten. Anschließend verkauft man entweder das Saatgut oder bereits daraus gezogene junge Bäumchen. Doch wie genau läuft dieser ganze Prozess ab?

Wusstest Du schon…?
Fruktifizieren nennt man das Ausbilden von Früchten des Baumes. Teilweise dauert es Jahrzehnte, bis ein Baum zum ersten Mal Früchte ausbildet. Bei der Weißtanne sind es beispielsweise um die 40 Jahre. Außerdem tragen die Bäume nicht in jedem Jahr gleich viele Früchte. In sogenannten Mastjahren bilden sie besonders viele aus.
Auch beim Saatgut kommt es sowohl auf äußere, als auch innere Werte an
Wichtig ist, dass man beim Saatgut auf eine geeignete Herkunft und Qualität achtet. Man erntet die Samen, Früchte oder Zapfen der sogenannten Mutterbäume. Diese Bäume müssen, um beerntet werden zu können, aus zugelassenen Erntebeständen stammen. Das bedeutet, die Vitalität, also die Gesundheit des Baumes, sowie auch die Wuchsleistung und äußere Qualität, bspw. ein gerader Wuchs, wurden geprüft und erfüllen die gestellten Voraussetzungen.
Aber auch die inneren Werte, die genetischen Eigenschaften der Bäume, sind enorm wichtig. Auch dabei gilt es, eine hohe Vielfalt zu bewahren, um möglichst viele unterschiedliche genetische Voraussetzungen zu sichern. So gibt es genetische Unterschiede zwischen den Baumarten, aber auch zwischen Bäumen einer Art. Die Herkunft der Bäume gibt Informationen zur Angepasstheit, Stresstoleranz und Widerstandsfähigkeit. Also wie gut oder lange ein Baum zum Beispiel mit Trockenstress umgehen kann.

Welches Saatgut für welche Region?
Zusätzlich achtet man deshalb noch auf die Herkunft des Saatgutes. In Deutschland gibt es verschiedene Herkunftsgebiete, aus denen das Saatgut stammen kann. Je nach Herkunft können sich Bäume „innerlich“, also genetisch, sowie von ihrem äußerlichen Erscheinungsbild unterscheiden. Ein Herkunftsgebiet weist gleiche ökologische Bedingungen auf, differenziert nach klimatischen Gegebenheiten. Bei manchen Baumarten ist zusätzlich die Höhenlage besonders wichtig. Die Fichten aus höheren Bergregionen haben bspw. schmalere Kronen und sind so besser gewappnet gegen Schnee und Sturm als Fichten aus flachen Lagen. Wichtig ist also, dass das Herkunftsgebiet des Saatgutes mit dem des neuen Pflanzortes des Baumes übereinstimmt.

Wusstest Du schon…?
Nichts passiert hier ohne Regeln! Das Inverkehrbringen von forstlichem Saat- oder Pflanzgut wird seit 2003 durch das sogenannte Forstvermehrungsgutgesetz geregelt. Nur in dafür zugelassenen Beständen darf eine Saatguternte überhaupt durchgeführt werden. Eine klitzekleine Ausnahme gibt es. Wenn ich in meinem eigenen Wald junge Pflanzen ausbuddele und sie an einem anderen Ort in MEINEM Wald wieder einpflanze, ist das erlaubt. Man bezeichnet es auch als Wildlinge werben.
Wie erntet man das Saatgut?
Ab dem Frühsommer kann man bei den meisten Baumarten beispielsweise anhand der Dichte von Blüten festgestellen, wie viele Samen bzw. Früchte sie tragen werden und ob sich eine Ernte lohnen wird.
Je nach Baumart unterscheidet sich das Saatgut erheblich in seiner Größe und Form. Eicheln und Bucheckern sind vergleichsweise schwere Baumfrüchte, die “einfach” von den Bäumen fallen und die man entweder mit Hilfe von ausgebrachten Netzen oder durch Aufsammeln ernten kann. Gleiches gilt auch für Nüsse, wie Walnuss oder Schwarznuss. Bei Wildobstarten, wie der Kirsche oder auch der Mehlbeere, pflückt man die Früchte von den Ästen aus dem Baum.

Weiter gibt es sogar richtige Samenplantagen, die man extra für die Gewinnung von Saatgut angelegt hat. Auf diesen Plantagen hat man Bäume gepflanzt, die eine besondere Vitalität, Form und Wuchsleistung aufwiesen. Hier pflegt man die Bäume extra so, dass sie sich gut vom Boden aus beernten lassen, aber trotzdem ausreichend Saatgut liefern.
Saatguternte in windigen Höhen
Teilweise kann eine Ernte von Saatgut auch am liegenden Stamm erfolgen. Am aufwändigsten und auch am gefährlichsten ist das Ernten von Saatgut am stehenden Stamm. Diese Arbeit leisten die Baumsteiger:innen, auch als Zapfenpflücker:innen bezeichnet. Um beispielsweise an die Zapfen der Weißtanne zu kommen muss man sich in schwindelige Höhen begeben – nämlich bis zur Krone des Baumes. Das sind mal eben ganz sportliche 35 bis 50 Meter! Die Baumsteiger:innen sammeln in der Krone die noch geschlossenen Zapfen, in denen sich der Samen befindet. Eine ausreichende Sicherung ist dafür unabdingbar. Einen Baumsteiger in Action könnt Ihr Euch in diesem Video ansehen.


Was passiert mit dem geernteten Saatgut?


Da viele Baumarten nicht jährlich Früchte ausbilden, ist eine korrekte Lagerung notwendig, um jedes Jahr Saatgut anbieten zu können. In sogenannten Samendarren wie in Jatznick oder Annaburg werden Nadelholz- oder Erlenzapfen weiterverarbeitet. Felix durfte für den Videodreh zur Saatguternte einen Blick in die Samendarre des FOGZ (Forstliche Genressourcen Zentrum) der Landesforsten Rheinland-Pfalz werfen. Gemeinsam mit Mitarbeiter Lars können wir jetzt den Weg des gepflückten Zapfens bis hin zum fertig aufbereiteten Saatgutes verfolgen:
Zunächst werden die Zapfen zum Nachreifen und Trocknen gelagert. Durch regelmäßiges Umschichten verhindert man, dass sie schimmeln und entzieht weiter Feuchtigkeit.



Die Natur kontrolliert nachahmen
In der Natur würde der Tannenzapfen irgendwann einfach zerbröseln und der Samen durch den Wind verbreitet werden. In der Samendarre muss man nach dem Trocknen des Zapfens das “Zerbröseln” nachahmen und die verschiedenen Bestandteile des Zapfens mit Hilfe einer Siebtrommel voneinander trennen. Die sogenannte Entflügelungsmaschine befreit am Ende den Samen noch vom Flügelchen. Danach reinigt man mit Hilfe von Luftdruck noch weiter und siebt, bis am Ende dann nur noch das Saatkorn übrig bleibt. Das Saatgut von Nadelbäumen kann man, wenn man es gut gekühlt, bis zu zehn Jahre aufbewahren.


Wusstest Du schon…?
Tannenzapfen bestehen aus der sogenannten Spindel (Längsachse im Zapfen), dem Samenkorn mit dem Flügelchen und den Zapfenschuppen.
Laubholzsamen können entweder direkt ausgesät oder auch eingelagert werden. Bucheckern müssen beispielsweise trocken, im Dunkeln und vor allem sehr kühl eingelagert werden. Am besten bei 3-5°C, wobei die Luftfeuchtigkeit bei 28-30 % liegen sollte. Bei diesen Bedingungen verbleibt das Saatgut bis zu 100 Tage. Wenn man erste Keimwurzeln erkennen kann, ist das Saatgut bereit, um es auszusäen. Das Saatgut wird dann vor allem an Baumschulen oder direkt an Landesforstverwaltungen verkauft, diese nutzen es, um den klimastabilen Wald von morgen zu pflanzen.
Wusstest Du schon…?
Strati – was? Die sogenannte Stratifikation bedeutet, dass das eingelagerte Saatgut vor der Aussaat gekühlt gelagert wird. Damit simuliert man den “Winter”, um die Keimung des Saatgutes zu fördern. Why that? Natürlicherweise würden die Samen, nachdem sie am Mutterbaum gereift sind, in eine Ruhephase (Dormanz) verfallen. Sie benötigen dann eine Kältephase, denn erst danach überwinden sie die Keimruhe und die Samen beginnen zu keimen.
Saatgut-Forschung für den klimastabilen Wald von morgen
Auch zu Forschungszwecken wird das Saatgut genutzt. Beispielsweise um zu testen, wie bestimmte Herkünfte auf Stress, bspw. wenig Wasser, reagieren. So kann man Hinweise darüber bekommen, welche Genetik potentiell in Zukunft am besten für den Klimawandel gewappnet ist.


Um den klimastabilen Mischwald von morgen zu gestalten, braucht es hochwertiges Saatgut. Der Weg vom gesammelten Zapfen über die Aufbereitung und Lagerung bis hin zum ausgepflanzten Pflänzchen und dem erfolgreichen Heranwachsen eines Baumes dauert mindestens so lange, wie diesen Satz zu lesen. Wir hoffen, dass Ihr in diesem Artikel etwas Neues lernen konntet – vor allem aber, dass deutlich geworden ist, wie viel Geduld, Fachwissen und Verantwortung in der Saatguternte stecken. Denn jeder gesammelte Samen ist ein kleiner, aber entscheidender Baustein für die Wälder der Zukunft.
Quellen:
Morat, J. (2015). Der Forstwirt (6. Aufl.). Verlag Eugen Ulmer, 679 S.
https://fgrdeu.genres.de/nationales-inventar/herkunftsgebiete/fov-herkunftsgebiets-vo

