Der Wald hat viele Funktionen, die uns zugutekommen. Wir nutzen den nachwachsenden und nachhaltigen Rohstoff Holz oder erholen uns nach anstrengenden Tagen im kühlen Grün. Doch er schützt uns auch vor Erosion oder Lawinen, reinigt unser Trinkwasser und beherbergt Tier- und Pflanzenarten, die für unser Ökosystem eine zentrale Rolle spielen.
Und jetzt kommt’s: Er kann noch mehr!
Was der sogenannte Funktionswaldbau ist, welche Rolle er für das Militär spielt und wie sich das alles auf den Naturschutz auswirkt, erfahrt Ihr in diesem Artikel!

Felix hat für Euch den Standortübungsplatz in Hagenow mit dem Revierleiter Renke Hobbie unsicher gemacht. 

Wusstest Du schon…?
In Deutschland kann jede:r Wald besitzen. Neben Privatpersonen gehört Wald ebenfalls zu Gemeinden oder Städten. Darüber hinaus hat jedes Bundesland Wald, welcher durch eigene Forstbetriebe bewirtschaftet wird. Die Bundesforstverwaltung namens Bundesforst kümmert sich um Wald- und Offenlandflächen, die der Bundesrepublik Deutschland gehören. 

Wälder in den Händen des Bundes 

Durch das freie Betretungsrecht darf man als Waldbesucher:in den Wald betreten, egal wem dieser gehört. Obwohl der Bundeswald an vielen Stellen für Besucher:innen offen ist und durch Wanderwege und Naturschutzprojekte zur Erholung beiträgt, gibt es auch Gebiete, in die man nicht hinein darf. Das hängt mit der Funktion dieser Liegenschaften zusammen. Der Bund stellt nämlich auch für andere staatliche Akteure (Bundespolizei, Zoll) oder wichtige Bauprojekte (Autobahn, Bahn, Schifffahrt) Flächen zur Verfügung und betreut diese. So baut man Autobahnen beispielsweise, soweit es geht, auf bundeseigenen Flächen.

Ein Auto der Bundeswehr im Hagenower Wald. 

Auch Übungsflächen vom Militär werden je nach Liegenschaft vom Bund betreut. Auf den Übungsplätzen selbst fällt diese Aufgabe zum Beispiel an das Bundeswehr Dienstleistungszentrum. Wald- und teilweise auch Offenlandflächen betreut weitestgehend Bundesforst selbst. 

Auf den Flächen von Bundesforst kümmern sich die Förster:innen um den sogenannten Funktionswaldbau. Damit versuchen sie, den Ansprüchen der Nutzer:innen wie dem Militär, der Bundespolizei, etc. gerecht zu werden und gleichzeitig klimastabile Wälder und Naturschutz zu fördern. 

Wusstest Du schon…?
Felix und Jan durften auf dem Standortsübungsplatz Hagenow ein Video für Euch filmen. Das findet Ihr auf unserem YouTube-Kanal!

https://youtu.be/43p4uxXZWBg

Militär-Ansprüche an den Wald

Fast 60 Prozent der Waldflächen, die Bundesforst betreut, dienen militärischen Zwecken. Die militärische Nutzung variiert dabei je nach Tätigkeit der Streitkräfte und erfordert einen angepassten Waldbau. So birgt jeder Übungsplatz eine einzigartige Natur, die auf die Anforderungen der Nutzer:innen zugeschnitten ist. Ein Panzergrenadierbataillon hat nämlich andere Anforderungen an ihre Übungsorte als zum Beispiel Fallschirmjäger. Die von den Förster:innen gestalteten Waldbestände bilden eine Kulisse für die Manöver der dort eingesetzten Truppen. Damit sich die Soldat:innen also nicht nur im Buchenbestand verstecken können, bieten die Liegenschaften eine Vielzahl von unterschiedlichen Baumarten und Ökosystemen. 

Es gibt verschiedene militärische Nutzungsformen auf den Liegenschaften. Truppen- und Standortübungsplätze sind dabei die klassischen Übungsflächen des Militärs. Truppenübungsplätze sind große Areale, auf denen komplexe Großübungen simuliert werden. Durch den Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen und scharfer Munition benötigt man eine größere Fläche, um die Sicherheit aller Beteiligten und Unbeteiligten zu gewährleisten. 

Wusstest Du schon…?
Die Reichweite einer Panzerkanone beträgt mehrere Kilometer. Bei Schießübungen muss man also großräumige Sicherheitsbereiche festgelegen.

Standortübungsplätze befinden sich oftmals in der Nähe von Kasernen und sollen die Übungen für die Grundausbildung und weiteres Training der Soldaten gewährleisten. Bei den Übungen wird lediglich Übungsmunition eingesetzt, es sei denn, es befindet sich eine offizielle Schießanlage auf dem Gelände. 

Diese Eiche nahe der Schießanlage hat bereits einige Kugeln abgefangen.

Funktionen über das Militär hinaus

Der Wald erfüllt auf den unterschiedlichen Liegenschaften verschiedene Funktionen. Dabei geht es nicht nur um die Funktionen für das Militär, sondern auch für das Umland. Lärm- und Staubschutz sind zwei Aspekte, die vor allem der Bevölkerung zu Gute kommen sollen. Aus diesem Grund werden Nadel- und Laubbäume so gepflanzt, dass sie durch eine heterogene Struktur und einen vielschichtigen Aufbau Lärm abpuffern und zusätzlich Staub abgefangen wird. Für ungestörte militärische Übungen ist auch die Sichtschutzfunktion von großer Bedeutung. Die Ansprüche an unsere Wälder können ganz unterschiedlich sein, im Fall einer militärischen Nutzung von Wäldern spielen z.B. die Holzproduktion oder die Erholung als Funktionen des Waldes eine untergeordnete Rolle. 

Der vielschichtige Aufbau des Waldes fängt Lärm und Staub ab. Kleine Lichtungen dienen dazu, den Schalldruck einzufangen und abzudämpfen. 

Auf Truppenübungsplätzen oder Schießbahnen kann der Wald außerdem als eine Art Kugelfang dienen. Dadurch können die Soldat:innen realitätsnah bei Übungen auch in die freie Landschaft schießen. Deswegen achten Förster:innen darauf, dass geschossharte Baumarten diese Schutzfunktion langfristig bieten können. 

Damit der Funktionswaldbau langfristig gesichert werden kann, setzt Bundesforst auf die Mischung von klimastabilen Baumarten und einen vielschichtigen Waldaufbau sowie breite Waldränder aus einheimischen Sträuchern und Heckengewächsen. 

Trotz der Projektile, die sie bereits eingefangen hat, ist diese Eiche noch lebendig. Die durch die Einschüsse entstandenen Veränderungen in der Rinde schaffen Mikrohabitate für Tier- und Pflanzenarten.

Bodenschutz ist Naturschutz 

Ein Panzergrenadierbataillon, das mit Panzern auf der Fläche Manöver übt, nutzt ihre Liegenschaften teilweise sehr intensiv. Sie verwenden die vielseitige Kulisse des Waldes und des Offenlandes, um sich auf unterschiedliche Szenarien vorzubereiten. 

Die Schädigung des Bodens kann insbesondere in abschüssigem Gelände zu Erosion führen. Niederschläge können die Situation verschärfen und große Teile von Hängen wegspülen. Umso wichtiger ist es, auf die Bodenstrukturen zu achten. Um der Bodenschädigung entgegenzuwirken, werden passende Gehölze oder Heckenstrukturen gepflanzt, damit diese den Boden durch ihre Wurzeln stabilisieren. Geflechte aus Reisig, sogenannte Faschinen, der Einsatz von Weidenstecklingen oder Drahtschotterkästen dienen den Bundesförster:innen als Werkzeugkoffer für den Erosionsschutz.

Die Fahrspuren der Panzer wirken zunächst zerstörerisch, doch in ihnen fühlen sich seltene und geschützte Arten wie die Gelbbauchunke pudelwohl! 

Wie der Naturschutz vom Militär und Funktionswaldbau profitiert 

Die Bodenverwundungen der Panzer rufen in Euch jetzt vielleicht Unmut hervor. Doch regelmäßige Fahrübungen sind für die Vorbereitung der Soldat:innen sehr wichtig und haben nebenbei einen spannenden Effekt für eine in Deutschland stark gefährdete Art. Die Gelbbauchunke, die früher in natürlichen Flussauen vorkam, ist in Deutschland streng geschützt. Durch die Begradigung von Flüssen oder die Entwässerung von Land fehlen ihr die kleinen, immer wieder trockenfallenden Gewässer, die sie zum Überleben braucht. Eine Alternative bilden Pfützen oder Fahrspuren, die durch regelmäßige Benutzung einem konstanten Wandel unterzogen sind (und somit immer wieder trockenfallen oder Wasser führen). Auf den Übungsplätzen der Bundeswehr finden sie genau das. 

Durch die Misselhorner Heide nahe Hermannsburg führen wunderschöne Wanderwege. Sie gehört zum Naturpark Südheide. 

Panzer fahren für den Naturschutz?

Auch im Offenland können Panzer regelrecht zur Landschaftspflege eingesetzt werden. Heideflächen entstanden ursprünglich durch eine intensive Landnutzung der Menschen und gelten deshalb auch als Kulturlandschaft. Ohne die aufwendige Pflege würden auch die letzten lila blühenden Heidschnucken Gefilde verschwinden. Um einer Verbuschung des Heidekrauts und der Wiederbewaldung entgegenzuwirken, muss die Heide kurz gehalten werden. Dies wird im Naturschutz durch Beweidung, Abbrennen oder Bodenbearbeitung gewährleistet. Diese Maßnahmen erfordern viel Arbeit, Geld und Engagement. Eine ausreichende Bodenbearbeitung kann auch durch die Befahrung mit einem Panzer gewährleistet werden. Nicht ohne Grund gehören die Truppenübungsplätze Munster und Bergen zu den Refugien des Heidekrauts.  

Auf den Heideflächen von Bundesforst kommen auch die letzten Vorkommen von Birkwild vor. Neben den Übungen der Bundeswehr darf die Natur dort nämlich noch Natur sein. Das Offenland wird hier nur gepflegt, nicht bewirtschaftet oder gedüngt und der reduzierte Besucherdruck durch die Einschränkungen für die Öffentlichkeit gibt einigen scheuen oder seltenen Tier- und Pflanzenarten genau die Ruhe, die sie brauchen. 

So ruhig und idyllisch kann ein Ort des Militär sein, hier auf dem Standortübungsplatz Hagenow. 

Achtung, es kommt noch mehr!

Es gibt aber auch militärisch genutzte Flächen, auf welchen die Aufgaben der Förster:innen nicht direkt ersichtlich sind. Auf einem Flugplatz beispielsweise. Neben der Aufgabe, bestimmte Areale frei zu halten, wird auch darauf geachtet, dass die Bäume je nach Entfernung zur Startbahn eine gewisse Höhe nicht überschreiten. Wachsen sie darüber hinaus, müssen sie aus Sicherheitsgründen eingekürzt werden.  

Neben militärischen Liegenschaften sind Bundesförster:innen auch für sogenannte “Verkehrsflächen” des Bundes zuständig. Damit ist nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch die Schifffahrt gemeint. Auf diesen Streifen neben Autobahnen oder Flüssen wie der Elbe achtet man darauf, dass jede nutzende Person in Sicherheit ist. Bäume, die Verkehrsteilnehmer:innen oder Spaziergänger:innen gefährden, werden demnach entfernt. Entlang von Flüssen werden auch Flussauen gepflegt. Außerdem geht es an größeren Wasserstraßen darum, Seitenwinde durch Baumbewuchs zu minimieren, damit der Wind die Schiffe nicht an Kanalwände oder ans Ufer drückt. 

Ihr merkt es schon: Funktionswaldbau hat viele Facetten. Zumal trotz der angestrebten Funktionen auch ein klimastabiler Wald geschaffen und Naturschutz unterstützt werden soll. Den Funktionswaldbau gibt es natürlich nicht nur auf militärischen Liegenschaften, sondern auch in vielen anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem Hochwasser- oder Lawinenschutz. Wenn wir darüber auch mal berichten sollen, schreibt uns gerne einen Kommentar!

Disclaimer: Dieser Artikel ist als Bestandteil einer Kooperation mit Bundesforst entstanden.

Quellen:

https://www.rote-liste-zentrum.de/de/Detailseite.html?species_uuid=904b64c6-3c3c-4c62-a979-dcb7715e48c0

https://www.bundesimmobilien.de/der-bundeswald-ist-auch-kuenftig-in-guten-haenden-e0751e902d766ab5

https://www.lueneburger-heide.de/natur/sehenswuerdigkeiten/3408/misselhorner-heide-naturpark-suedheide.html

https://www.lueneburger-heide.de/natur/artikel/14017/heide-pflege.html

https://www.naturschutzstiftung-heidekreis.de/informationen/naturraum/heide-und-magerrasen

Bundesforst (2002): Die Bundesforstverwaltung. Bundesministerium der Finanzen (Hrsg.)