– Wie zu viel Wild den Wald schwächt

Jedes Tier muss fressen. Auch Rehe, das Rotwild (so nennt der Jäger Hirsche) und andere wildlebende Tiere des Waldes. Besonders beliebt bei den Wiederkäuern sind die Knospen von jungen Bäumen und andere Pflanzen des Waldes. Diese sind zart und energiereich. Knabbern die zahlreichen Vierbeiner die Knospen von den jungen Bäumen, dann nennt man das Verbiss. Dieser Verbiss hat negative Auswirkungen auf die Pflanzen. In den Knospen stecken die Blätter und Zweige des nächsten Jahres. Wenn die Knospe, aus der jedes Jahr der neue Leittrieb entsteht, verbissen wird, dann wächst die Pflanze in diesem Jahr nicht in die Höhe.  Sie muss einen Ersatztrieb ausbilden. Das kostet Kraft und Zeit und die Pflanze hat einen Nachteil gegenüber den Nachbarpflanzen, welche nicht verbissen wurden. Wird ein junger Baum mehrfach und über Jahre hinweg verbissen, stirbt er letztendlich sogar ab.

„Bonsai-Buchen“ – Andauernder Verbiss hält die jungen Buchen klein und verhindert die Bildung einer Baumschicht.
Schälschaden durch Rotwild

Andere Wiederkäuer des Waldes, z.B. das Rotwild, fressen auch die Rinde von Bäumen. Diese „schälen“ lappenförmige Rindenstücke ab, um die Fasern aufzunehmen. Wenn dem Baum diese schützende Hülle fehlt, entsteht eine Eintrittspforte für Pilze und andere Parasiten. Diese verbreiten sich dann im Holz und lassen den Baum von innen langsam verrotten. Über kurz oder lang führt das dann zum Absterben des Baumes. Soll das Holz des Baumes noch genutzt werden, verliert es an Wert, denn verfaultes Holz ist schlecht nutzbar und erreicht daher nur geringe Preise.

Schäle durch Rotwild an Fichte – so entstehen langfristig schwere Schäden.
Im Hintergrund – eine vollständige Schäle des Bestandes zu erkennen

Wie anfangs erwähnt, ist es völlig natürlich, dass Wild in Wald und Flur vorkommt. Der Wald ist ein Ökosystem. Ein Ökosystem ist die Verbindung zwischen den Lebewesen, die an einem Ort leben und ihrem Lebensraum.  Ein funktionierendes Ökosystem toleriert auch eine gewisse Menge an Verbiss. 

Um zu verstehen, warum zu hohe Wilddichten ein Problem sind, schauen wir uns mal ein ideales Ökosystem an:

Der Ideale Wald

In einem intakten und naturnahen Wald fallen von einer Buche eine ganze Menge Bucheckern. Einige von denen beginnen zu keimen. Es entstehen einige neue Bäume. Nun kommen Rehe und finden in den neuen Bäumen leckeres Futter. Wenn nur ein paar Rehe kommen ist alles super. Denn es wird immer Bäumchen geben, die von den Rehen unentdeckt bleiben und die in jedem Jahr größer und stärker werden. Wenn in unserem Idealen Wald aber eine viel zu hohe Zahl von Rehen existiert, werden bald nahezu alle neu gewachsenen Bäumchen von den Rehen aufgefressen. Der Wald kann sich nicht mehr selbstständig fortpflanzen. Diese natürliche Fortpflanzung nennt der Förster übrigens Naturverjüngung. Und damit die entstehen kann, ist die Beobachtung der Anzahl des Wildes wichtig.

In einem natürlichen bzw. perfekten Wald würde es Raubtiere geben, die die Rehe daran hindern, sich immer weiter zu vermehren. Die Natur hat also ganz von sich aus einen Automatismus geschaffen, der das Ökosystem Wald im Gleichgewicht hält. Leider haben wir Menschen die meisten Raubtiere aus unseren Wäldern vertrieben. Das hat dazu geführt, dass es in vielen deutschen Wäldern so viel Wild gibt, dass die Waldpflanzen unter den zahlreichen Tieren leiden. Nun ist es also die Aufgabe des Menschen, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen! Das bedeutet also ganz konkret, dass wir für ein ausgeglichenes Ökosystem die Menge des Wildes in unseren Wäldern deutlich reduzieren müssen. Im nächsten Schritt ist dann dafür zu sorgen, dass die Menge der Tiere auch auf dem gleichen Niveau bleibt. Eine Bejagung wird also auch in Zukunft immer vonnöten sein!

Wildtiere – echte Feinschmecker!

Verbissen werden generell alle Baumarten. Manche mehr und manche weniger. Buchen werden zwar verbissen, doch sind diese meistens in großer Anzahl durch die natürliche Verjüngung (Bucheckern) vorhanden. Andere seltene Baumarten werden allerdings deutlich häufiger verbissen – Ihr wisst ja, man will immer das, was man sonst nicht haben kann. Dazu gehören dann z.B. Tannen- und Eichenarten, die im klimawandelangepassten Forst noch eine große Rolle spielen werden. Konzentriert sich der Verbiss auf die selteneren Bäume, sterben diese und fehlen dann später im Jungwuchs und es kommt so zu einer so genannten Entmischung. Auch andere Baumarten, wie Ulme, Kirschen, Speierling und Co. haben unter dem starken Verbissdruck keine Chance. Die Entmischung beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Bäume, sondern betrifft alle Pflanzen des Waldes, also z.B. auch die krautige Vegetation wie Blühpflanzen oder Gräser.

Der Zaun macht deutlich, wie Wald sich unter Ausgrenzung vom Verbisseinfluss (rechte Seite) entwickeln kann.

Zu viele Wildtiere – eine Gefahr für die biologische Vielfalt

Die Biodiversität (die biologische Vielfalt) ist durch zu hohe Wildtierdichten also in Gefahr. Das bezieht sich nicht nur auf die Pflanze an sich, sondern auf alle auf eine Baumart spezialisierten und darauf angewiesenen Insekten, Pilze, Flechten und sonstigen Lebewesen. Sogar auf Vögel hat der Verbiss Auswirkung. Viele Vogelarten sind besonders auf Wälder angewiesen, die vor allem mit jungen Bäumen durchmischt sind. Hier sind sie geschützt vor Greifvögeln und finden eine Vielzahl an Insekten. Ihr merkt, das Thema ist sehr komplex und wir wollen an dieser Stelle nicht zu weit ausholen.

Besonders diese genannten Punkte sind bei der Jagd im Forst von herausragender Bedeutung. Wie bereits erwähnt, wollen wir mit Euch in den Austausch treten. Welche Meinung habt Ihr zur Jagd, welche Erfahrungen habt Ihr bereits gemacht? Ist Euch schon mal Wildverbiss aufgefallen?


Dies ist der dritte Teil unserer Themenreihe zur Jagd. In unserem zweiten Artikel bekommt ihr einen Überblick über die Geschichte und die Regelung der Jagd. Im nächsten Artikel berichten wir, wieso der Wolf und der Luchs den Job des Jägers nicht werden übernehmen können.

Titelfoto: Sebastian Grell; hellewelt.de

Folgend findet Ihr die Quellen, die wir zur Erstellung des Artikels genutzt haben:

Oheimb, G. von, Ellenberg, H., Heuveldop, J. & W.-U. Kriebitzsch (1999): Einfluß der Nutzung unterschiedlicher Waldökosysteme auf die Artenvielfalt und -zusammensetzung der Gefäßpflanzen in der Baum-, Strauch-, und Krautschicht unter besonderer Berücksichtigung von Aspekten des Naturschutzes und des Verbißdruckes durch Wild. Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft Hamburg 195: 279-450

Long, Z.T., Pendergast, T.H. & W.P. Carson (2007): The impact of deer on relationships between tree growth and mortality in an old-growth beech-maple forest. Forest Ecology and Management 252: 230-238
Internetausg.: https://www.biology.pitt.edu/sites/default/files/facilities-images/Long%20195.pdf

Allombert, S., Gaston, A.J., & J.-L Martin. (2005): A natural experiment on the impact of overabundant deer on songbird populations. Biological Conservation 126: 1-13
Internetausg.: http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.472.4780&rep=rep1&type=pdf

Ammer C., Vor T., Knoke T. & S. Wagner (2010): Der Wald-Wild-Konflikt – Analyse und Lösungsansätze vor dem Hintergrund rechtlicher, ökologischer und ökonomischer Zusammenhänge. Band 5. Göttingen, Universitätsverlag. S. 184
Internetausg.: https://www.univerlag.uni-goettingen.de/bitstream/handle/3/isbn-978-3-941875-84-5/GoeForst5_Ammer.pdf?sequence=4&