Ihr lauft durch den Wald und seht einen schiefen Baum, der sich an einen anderen Baum anlehnt. Voller Begeisterung geht Ihr auf ihn zu und wollt unter ihm hindurchlaufen. Doch „knacks” da fällt der Baum um und Ihr könnt gerade noch rechtzeitig zur Seite springen. Ihr kommt mit einem Schrecken davon, doch wie konnte es zu dieser gefährlichen Situation kommen? Die Forstwelt spricht hier von einem Hänger. Wie er entstehen kann, was ihn so gefährlich macht und wie man damit umgeht, erfahrt Ihr in diesem Artikel!

Hier hängt’s wohl!

Was ist ein Hänger?

Bei der Holzernte läuft es normalerweise wie folgt ab: Eine Forstwirtin oder ein Forstwirt sägt einen Baum an und dieser fällt in eine vorgesehene Richtung um. Doch manchmal passiert es, dass der Baum in eine ungeplante Richtung fällt und dabei an einem anderen Baum hängen bleibt. Auch Stürme produzieren sogenannte Hänger oder sorgen dafür, dass ganze Bäume entwurzeln oder abbrechen und nicht komplett zu Boden fallen.

In beiden Fällen steht man bei einem Hänger vor dem Problem, dass der Baum unten oft noch nicht komplett abgesägt oder abgebrochen ist, jedoch oben fest verhakt in einer anderen Baumkrone steckt. Dadurch gerät der Stamm schnell unter Spannung. Das könnt Ihr Euch so vorstellen, als würdet Ihr eine ungekochte Spaghetti biegen. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das, doch irgendwann bricht sie durch. Bei einem Holzstamm sind die Dimensionen natürlich um einiges größer, doch die Energie, die dabei freigesetzt wird, ist die gleiche. Und genau hier beginnt die Gefahr. 

Wusstest Du schon…?
In dichten Beständen steigt die Gefahr, dass Hänger entstehen. Warum? Die Bäume haben weniger Platz und werden nicht so dick. Dadurch fehlt es Ihnen an Gewicht und Masse. Kommt nun ein Sturm, weht er die Bäume wortwörtlich um. Wenn Bäume bei einem Sturm abbrechen, weil sie zu dünn sind, birgt das nicht nur eine unsichtbare Gefahr, sondern bringt auch einen Wertverlust mit sich. Um dies zu vermeiden, streben Försterinnen und Förster bei älteren Beständen eine aufgelockerte Verteilung der Bäume an. Das heißt, jeder Baum bekommt genug Platz, um dick und stabil zu wachsen und damit kein Hänger zu werden. Schließlich wird Holz irgendwann zu Geld. Wie viel so ein Stamm wert sein kann, seht Ihr auch in diesem Video.  

Hier sieht man nach einem Sturm dünne, umgebogene Bäume. Ob die sich wieder aufrichten? Dazu wird es nicht mehr kommen!

Hänger sind gefährlich

Wie Hänger entstehen, wisst Ihr nun. Doch wo genau verbirgt sich jetzt die Gefahr? Ein Szenario habt Ihr in der Einleitung bereits kennengelernt. Der Baum kann sich jederzeit aus der Krone lösen und plötzlich herunterbrechen. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort steht, kann unter dem herabfallenden Baum begraben werden. Auch Äste können sich mit der Zeit lösen und auf den Boden krachen. Durch die unnatürliche Schieflage des Baumes hat sich auch die Spannung im Holzstamm verändert. Sägen Forstwirt:innen den Stamm unten ab, kann diese Spannung gefährlich werden.

Das neue Ungleichgewicht des Baumes bewirkt, dass im Holzstamm eine sogenannte Druckseite und eine Zugseite entstehen. Wird der Stamm auf der Druckseite abgesägt, klemmt er die Schiene der Motorsäge ein. Sägt man nur von der Zugseite, kann der Stamm aufreißen und zur Seite ausschlagen. Forstwirt:innen brauchen also aufwendigere Schnitttechniken, um den Baum sicher zu Boden zu bringen. Verschätzt man sich beim Absägen, kann es schnell sehr gefährlich werden. Auch Forstwirt:innen brauchen also ein wenig Übung, um routiniert zu reagieren. Als Laie überlassen wir das in jedem Fall lieber den Profis. 

Würde man den Stamm von oben einmal durchsägen, würde das Holz aufreißen und die Stammteile nach außen schnellen. Würde man hingegen von unten nach oben durchsägen, würde das Holz so sehr auf die Schiene drücken, dass es diese einklemmen würde. Für ein unfallfreies Durchsägen braucht man hier also mehrschrittige Schnitttechniken.

Wie die Profis damit umgehen….

In der Holzernte gibt es immer wieder Hänger. Forstwirte und Forstwirtinnen arbeiten ständig mit Holz unter Spannung, sie entwickeln ein Gefühl dafür und wenden verschiedene Techniken an. Zum Beispiel den „Drehzapfen” oder den „Brückenschnitt”. Beim Drehzapfen werden wenige Holzfasern in der Mitte der sogenannten Bruchleiste, man könnte auch sagen am Stammboden, stehen gelassen. Beim Brückenschnitt hingegen, wird die sogenannte Bruchleiste in der Mitte durchgesägt und eine Seite der Bruchleiste ausgewählt, wo wenige Fasern stehen bleiben. Die andere Seite wird komplett abgesägt. Diese Schnitte können reichen, damit der Baum sein Gewicht verlagert und sich von selbst auf den Boden herunterdreht. 

Manchmal reicht es auch, den Baum unten abzusägen und mit einem Wendehaken zu drehen. Dabei wird im ersten Schritt der Haken, an dem eine lange Stange befestigt ist, am Stamm angesetzt, sodass er sich in die Rinde reingraben kann. Durch Ziehen an der Stange bewegen die Forstwirt:innen den Baum zu Boden. Noch sicherer ist jedoch der Einsatz von Maschinen. Seilwinden und lange Kräne machen es möglich, mit großem Sicherheitsabstand am Baum zu arbeiten. Wenn aber zu viele Hindernisse wie beispielsweise ein Haus oder eine Stromleitung im Weg sind, führt man Spezialfällungen durch.

…zum Beispiel bei Stadtbäumen…

Das passiert vor allem bei Stadtbäumen. Hier wird der Baum von der Baumkrone beginnend Stück für Stück zersägt und stückchenweise nach unten abgeseilt. Wart Ihr schon mal mit einem Kletterseil in einem Baum unterwegs? Dann aber bestimmt nicht mit einer Säge, oder? Dafür gibt es Fortbildungen. Verschiedene Kletterschulen können Euch die Seilklettertechnik beibringen. Falls Ihr Euch dafür interessiert, schaut mal hier vorbei.

Wusstest Du schon…?
In Städten dürfen Bäume nicht das ganze Jahr über gefällt werden. Von Oktober bis Ende Februar ist das erlaubte Zeitfenster. In dieser Jahreszeit sind die Bäume in ihrer Ruhephase, wie Ihr bereits aus diesem Artikel wisst. Vom 1. März bis zum 30. September braucht es eine Sondergenehmigung. Manchmal wird zum Beispiel ein holzzersetzender Pilz, wie der Diplodia an der Kiefer festgestellt. Dann reicht es nicht, bis zum Herbst zu warten, bevor der Baum unkontrolliert von alleine umfällt. Hat man keine Genehmigung, wird es teuer.

….und was Ihr dabei beachten müsst

Schräge Bäume mit Vorsicht genießen! Haltet lieber etwas Abstand und bleibt auf dem Boden der Tatsachen, anstatt den Baum hinaufzuklettern. Denn eins habt Ihr jetzt gelernt – die Spannung im Baum ist oft anders als man denkt und das kann gefährlich werden. Nehmt Absperrungen ernst, denn im abgesperrten Bereich gibt es besonders viele Hänger. Und guckt Euch nach einem Sturm vielleicht einmal mehr nach schrägen Bäumen um, bevor Ihr Euch bei einem Waldspaziergang auf einer Bank ausruht. Schließlich zählen Hänger zu waldtypischen Gefahren und werden gerne unterschätzt. Ihr seid nun gut vorbereitet für Euren nächsten Waldausflug und wisst, wo Vorsicht geboten ist.   

Wusstest Du schon…?
Wann Waldwege bei der Holzernte abgesperrt werden müssen, ist vorgeschrieben. Befindet sich der Weg zwei Baumlängen entfernt vom zu fällenden Baum, muss der Weg mit einem Banner abgesperrt werden. Trifft folgendes gleichzeitig zu, müssen zusätzlich zwei Menschen den Weg überwachen:
– Der Weg liegt nur eine Baumlänge entfernt
– Die Fallrichtung geht zum Weg 
– Der oder die Fäller:in kann den Weg nicht gut sehen

Sicherheitshalber nie wieder in den Wald?

Natürlich nicht! Bei der Holzernte entstandene Hänger werden gar nicht erst im unabgesperrten Bereich gelassen. Denn schließlich ist der Wald für alle da. Zum Glück gibt es Menschen, die sich darin auskennen. Also: Hat mal ein Sturm in Eurem Garten Euren Lieblingsbaum umgeweht, dann lasst lieber die Finger von der Säge, wenn Ihr keine Routine habt. Und im Wald: Vertraut Euren Forstleuten vor Ort, denn die kennen sich damit aus!

Quellen:

https://www.waldwissen.net/de/technik-und-planung/forsttechnik-und-holzernte/arbeitssicherheit/der-zapfenschnitt

https://www.bussgeldkatalog.org/umwelt-baum-faellen

https://www.svlfg.de/anerkannte-fortbildungsstaetten-seilklettertechnik

https://www.forstbw.de/fileadmin/user_upload/ForstBW_PRAXIS_Leitfaden_Verkehrssicherungspflicht_FSCkonform.pdf