Viele Funktionen des Waldes sind offensichtlich: er ist Holzlieferant, Lebensraum für Pflanzen und Tiere und ein Ort für Erholung. Eine weitere wichtige, wenn auch weniger offensichtliche Funktion, ist der Erhalt und die Konservierung von historischen Strukturen. Insbesondere der Waldboden schützt teilweise schon seit Jahrtausenden das kulturelle Erbe unserer Vorfahren. Warum der Wald für Bodendenkmäler so wichtig ist, was man im Wald tief versteckt alles finden kann und warum auch hier der Klimawandel eine Bedrohung ist, wollen wir Euch in diesem Artikel erklären. 

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Jan hat sich Bodendenkmäler von einem richtigen Experten erklären lassen, schaut mal rein!

Der Wald als Zeitzeuge

Als Bodendenkmäler bezeichnet man archäologische Stätten oder historische Strukturen im Boden. Diese sind häufig in Wäldern zu finden, unter deren Schutz sie über Jahrhunderte, manchmal sogar Jahrtausende hinweg, erhalten geblieben sind. Der Wald bewahrt also wie ein Archiv wichtiges Kulturerbe. Meist sind Bodendenkmäler überirdisch sichtbar – als künstlich angelegte Hügel, Gräben oder Steinformationen verschmelzen sie heute mit der Waldlandschaft. Doch wenn man genauer hinschaut, erzählen sie die Geschichte unserer Vorfahren, die Siedlungen erbauten, Grabstätten errichteten, Handelsrouten anlegten und in Schlachten kämpften.

Die Rolle des Waldes

Der Wald und die Umweltbedingungen, die er schafft, spielen eine elementare Rolle beim Erhalt von kulturellem Erbe im Boden. Der Wald schützt durch einen intakten Baumbestand vor Überprägung sowie Erosion durch Wind und Wasser. Die im Boden eingeschlossenen historischen Relikte sind weder Sauerstoff noch Sonnenlicht ausgesetzt und sind bei konstanter Temperatur über Jahrhunderte hinweg bestens konserviert. Im Offenland hingegen überbauen oder verändern wir Menschen viele historische Strukturen. Im Wald findet keine derart intensive Nutzung des Bodens statt, weshalb die Bodendenkmäler oft deutlich besser erhalten und dadurch wissenschaftlich wesentlich interessanter sind. 

Ein ganz normaler Hügel – oder doch nicht?

Es gibt eine ganze Reihe von historischen Strukturen, die heute als Denkmäler in Wäldern an vergangene Zeiten erinnern. Hier mal ein paar Beispiele aus vorindustriellen Zeiten:

Hügelgräber

Hügelgräber sind runde Aufschüttungen aus Steinen und Erde aus der Bronze- und Eisenzeit (ca. 2.200 bis 550 Jahre v. Chr.). Sie haben einen Durchmesser zwischen 5 und 40 m. Je größer der Hügel, desto mächtiger und angesehener war die Person, die dort begraben liegt. Hügelgräber enthalten oft wertvolle Grabbeigaben wie Schmuck und Waffen und wurden meist entlang von Fernhandelsrouten und Straßen angelegt. 

Wenn Ihr wissen wollt, ob Jan hier vor einem echten Hügelgrab steht, schaut ins Video oben!

Gräben und Steinformationen

Als unmissverständliche Grenzmarkierungen zwischen Siedlungsgebieten hat man früher Gräben angelegt. Die hat man auch zur Markierung von speziellen Nutzungsrechten, wie z.B. dem Jagdrecht, genutzt. Eine weitere Form der Grenzmarkierung sind Steine und Steinformationen, die man oft auch als Richtungsweiser verwendet hat.

Hohlwege

Eine hohe kulturhistorische Bedeutung haben sogenannte Hohlwege. Durch die jahrhundertelange intensive Nutzung mit Vieh und Fahrzeugen sowie Erosion sind aus Verbindungen zwischen zwei Orten tiefe Fahrwege entstanden, die man dadurch heute noch gut erkennen kann. 

Aborglyphen

Die Denkmäler im Wald müssen aber nicht immer schon hunderte von Jahren alt sein. Auch aus dem 20. Jahrhundert finden wir Kulturrelikte in unseren Wäldern. Vor allem die Weltkriege habe Spuren im Wald und an den Bäumen hinterlassen: Sogenannte Arborglyphen sind in die Baumrinde geritzte Symbole und Zeichen, die oft im Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Diese Ritzungen finden wir häufig an Buchen, weil ihre Rinde so glatt ist und damit eine gute Leinwand bietet. 

Das Bild zeigt eine Arborglyphe, also ein Ritzung in die Rinde einer Buche, aus dem Zweiten Weltkrieg.

Granatsplitter und Geschosse

Bei der Ernte von alten Laubbäumen, oft Eichen, findet man immer wieder Granatsplitter oder Geschosse, die im Holz stecken. Diese Relikte aus den Weltkriegen führen zu einem erheblichen Wertverlust des Holzes. Laubholzsägewerke in entsprechenden Gebieten haben deswegen Metalldetektoren, damit ihre Sägen nicht durch das Metall im Holz kaputt gehen.

Schützengräben

Auch Gräben im Wald können aus dem modernen Zeitalter stammen. Besonders größere Gräben in räumlicher Nähe zu Städten sind meist Schützengräben aus dem Krieg.

Wusstest du schon…?
Der Limes ist wohl das bekannteste Beispiel für ein Bodendenkmal. Der Limes diente als militärische und wirtschaftliche Abgrenzung zwischen dem Römischen Reich und den germanischen Völkern. Die antike Grenzlinie, die in Deutschland durch Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz verläuft, ist 550 km lang und damit das längste Bodendenkmal nach der Chinesischen Mauer. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich, wie gut der Wald historische Strukturen konserviert. Dort, wo der Limes im Wald verläuft, ist er noch deutlich besser erhalten als im Offenland.

Bodendenkmäler erkennen

Doch woher weiß ich denn nun, ob die Erhöhung im Wald einfach nur ein stinknormaler Hügel ist – oder tatsächlich ein Zeitzeuge aus der Vergangenheit sein könnte? Diese Frage ist nicht nur interessant, sondern auch relevant für Förster:innen und Waldarbeiter:innen, um die Bodendenkmäler bei ihrer Arbeit berücksichtigen und dadurch schützen zu können. 

Zur Erkennung von Bodendenkmälern kann man Kartenmaterial verwenden. Es gibt sogenannte Schummerungskarten, die die Erdoberfläche plastisch darstellen und somit Strukturen im Boden sichtbar werden lassen. Solche Karten sind in den meisten Bundesländern online öffentlich verfügbar. Eine Alternative dazu sind historische Karten aus Archiven. 

Solche digitalen Schummerungskarten kann ein:e Förster:in nutzen, um Strukturen im Boden zu erkennen.

Ein weiterer Indikator für historische Nutzung können sogenannte Kulturreliktarten sein. Das sind meist Pflanzen, die oft in der Nähe von alten Siedlungen vorkommen und dadurch Zeugen von menschlicher Aktivität sind. Ein Beispiel hierfür ist das Echte Eisenkraut (Verbena officinalis), eine aufrechte Staudenpflanze mit kleinen lila Blüten. Das Eisenkraut kommt als Kulturrelikt in der Nähe von Wegen und Siedlungen vor und genießt als Heilpflanze und kulturelles Symbol einen mystischen Ruf.

Wusstest du schon…?
Archäolog:innen und Expert:innen für Denkmalpflege identifizieren Bodendenkmäler durch Auswertungen von Luftbildern und Archivrecherchen sowie durch Geländebegänge. Seit noch nicht allzu langer Zeit gibt es außerdem eine technische Innovation, mit der man Denkmäler finden kann: Das sogenannte LiDAR, „Light Detection and Ranging“. Sehr detailliertes, luftbildgestütztes Laserscanning macht die Geländeoberfläche sichtbar, indem Vegetation und Bebauung herausgerechnet werden. Dadurch sieht man menschliche Eingriffe in den Boden sehr gut, auch wenn sie vor Ort kaum zu erkennen sind. Durch diese neue Methode kommen viele, bislang nicht entdeckte Bodendenkmäler zum Vorschein.

Die Geheimnisse des Waldes in Gefahr

Also – Metalldetektor, Bodendenkmalkarte, Schaufel und los geht’s zur Schatzsuche?

Auf keinen Fall! Jedes Bodendenkmal, das der Wald für uns bewahrt, ist ein empfindliches und wertvolles kulturelles Gut. Illegale Ausgrabungen und Grabraub führen zu unumkehrbarer Zerstörung und dem Verlust von einem Teil Geschichte. Auch die Verfüllung von Hohlwegen und Gräben zerstört Landschaftsmerkmale mit historischer Bedeutung. Meistens werden Bodendenkmäler allerdings nicht absichtlich beschädigt, sondern durch Unwissenheit. Dieses Unwissen kann beispielsweise bei der Holzernte durch große Maschinen zur Schädigung von eingelagerten Funden führen. Eine weitere Gefährdung ist wie so oft der Klimawandel. Dieser kann durch teils drastische Veränderungen der Umweltbedingungen beispielsweise zum Absterben von Bäumen mit Arborglyphen führen, die dann für immer verloren sind. 

Schützen kann man nur, was man kennt

Wie kann man also den Schutz von Denkmalsubstanz sicherstellen? Der Schutz von Bodendenkmälern ist im Bundeswaldgesetz sogar gesetzlich verankert: §11, Abs. 2 Nr. 1 BWaldG: „Bei der Bewirtschaftung soll die Funktion des Waldes als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte angemessen berücksichtigt werden.“ Genauere Vorgaben dazu geben die jeweiligen Landesdenkmalpflegegesetze. 

Aber: man kann nur schützen, was man kennt. Nur durch das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit von Förster:innen, Waldbesitzer:innen und Jäger:innen ist ein Schutz überhaupt möglich. Wenn man also im Wald historische Strukturen findet oder vermutet, kann man diese beim Landesamt für Denkmalpflege melden, sodass sie offiziell ausgewiesen und kartiert werden können. 

Auch historische Karten wie diese können Hinweise auf Bodendenkmäler im Wald geben.

Bodendenkmäler vor Eurer Haustür?

Bodendenkmäler machen Geschichte im Wald vor unserer Haustür greifbar und erlebbar und sind dadurch ein wertvolles und schützenswertes Kulturerbe. Wenn Ihr jetzt Lust auf noch mehr Forstgeschichte bekommen habt, müsst Ihr nicht lange suchen – schaut Euch doch mal diese Artikel von Forst erklärt an:

Hutewälder – Relikte einer vergangenen Zeit

Forstgeschichte – ein Blick in die Vergangenheit der Wälder 

Waldglas – wie in unseren Wäldern Glas hergestellt wurde 

Wisst Ihr von historischen Strukturen und Denkmälern im Wald vor Eurer Haustür? Berichtet uns gerne davon in den Kommentaren!

Quellen:

https://www.waldwissen.net/de/lernen-und-vermitteln/forstgeschichte/archaeologie-im-wald

https://bodendenkmalpflege.lvr.de/media/bodendenkmalpflege/aktuelles/pdf/neu_Hessen_Bodendenkmaeler-unter-Wald_2018.pdf

https://www.lwf.bayern.de/mam/cms04/service/dateien/lwf-spezial-03_denkm__ler_im_wald.pdf

https://bodendenkmalpflege.lvr.de/media/bodendenkmalpflege/projekte/pdf_2/Cott_Zeiler_Die_Waldbauern_in_NRW_Heft_4_2023.pdf

https://www.gesetze-im-internet.de/bwaldg/BJNR010370975.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Echtes_Eisenkraut