Naturwaldreservate sind unsere Urwälder von morgen, in denen die Natur wieder das Sagen hat. Hier darf der Mensch nicht eingreifen. Stattdessen dürfen Bäume alt werden, umstürzen und zu neuem Leben werden. Was andernorts oft aufgeräumt wird, bleibt hier bewusst erhalten. Warum Naturwaldreservate mehr als nur Naturschutz sind, erfahrt Ihr in diesem Artikel. 

Im Naturwaldreservat Kinzigaue im Main-Kinzig-Kreis entsteht zwischen starken Eichen und dichten Hainbuchen ein Wald voller Struktur und Leben.

Hände weg – der Wald macht das schon!

Naturwaldreservate sind ehemalige Wirtschaftswälder, die man aus der Nutzung genommen hat. Anders als in Naturschutzgebieten, wo man durch gezielte Pflege aktiv Arten schützt, darf der Mensch in Naturwaldreservaten nicht mehr eingreifen. Bäume dürfen ganz im Rhythmus der Natur wachsen, leben und sterben. Ohne Motorsägen, ohne Pflanzungen, ohne Eingriffe des Menschen. Nur die Jagd ist erlaubt, um eine übermäßige Vermehrung von Wildtieren zu verhindern. Ohne diese Regulierung könnten die Tiere junge, nachwachsende Bäume zu stark verbeißen, was die natürliche Waldentwicklung beeinträchtigen würde. 

Seit den 1970er-Jahren werden in Deutschland Naturwaldreservate ausgewiesen. Viele dieser Wälder entwickeln sich also schon seit rund 50 Jahren ungestört weiter. Schritt für Schritt entstehen so die „Urwälder von morgen“, lebendige Beispiele dafür, wie sich unsere heimischen Wälder aus eigener Kraft verändern und entwickeln können. Gerade in Zeiten des Klimawandels und Artenrückgangs gewinnen Naturwaldreservate an Bedeutung. Sie sind Hoffnungsträger für mehr Vielfalt und zeigen, wie Natur sich selbst stärken kann, wenn wir ihr den Raum geben.

Wusstest Du schon…?
Heute gibt es in Deutschland bereits 747 Naturwaldreservate. Ganz schön viel, oder? Tatsächlich machen die Naturwaldreservate aber nur eine Gesamtfläche von mehr als 36.000 Hektar aus, was nur 0,1 % der Fläche von Deutschland ist und etwa die Größe von München hat. Naturwaldreservate sind nämlich keine großen Waldgebiete, sondern nur ausgewiesene Flächen innerhalb eines Waldes.

Das Schild am Rand des Naturwaldreservats erklärt, warum hier die Natur das Sagen hat und erinnert daran, dass herabfallende Äste und umstürzende Bäume Teil dieses natürlichen Geschehens sind.

Wie wird ein Wald ein Naturwaldreservat?

Naturwaldreservate wählt man anders als Schutzgebiete nicht deshalb aus, weil dort besonders viele seltene oder gefährdete Arten vorkommen. Vielmehr sollen sie die typischen Waldlandschaften einer Region widerspiegeln. Das bedeutet: Ein Naturwaldreservat ist wie ein kleiner Ausschnitt des heimischen Waldes. Hier sollen die charakteristischen Baumarten, Pflanzen und Standortbedingungen eines Gebietes vertreten sein, also genau die Wälder, die für die Region typisch sind. Meistens sind es Wälder, die die Menschen jahrhundertelang genutzt haben. Dennoch achtet man bei der Auswahl darauf, dass es sich um alte, weniger beeinflusste Waldflächen handelt. Diese weisen nämlich bereits vielfältige Lebensräume und unterschiedliche Waldstrukturen auf. Auch die Größe spielt eine wichtige Rolle: Ein Naturwaldreservat umfasst meist 30 bis 50 Hektar, also eine Fläche von mehr als 30 Fußballfeldern. Wichtig ist außerdem, dass das Gebiet möglichst zusammenhängend ist, damit sich Naturprozesse frei und ungestört entfalten können.

Buchen prägen das Naturwaldreservat Hasenblick in Hessen. Obwohl hier fast nur Buchen stehen, zeigt das Totholz am Boden bereits den natürlichen Wandel des Waldes.

Wusstest du schon…?
In vielen Naturwaldreservaten leben heute bereits seltene sogenannte Urwaldreliktarten. Klingt geheimnisvoll? Ist es auch ein bisschen. Urwaldreliktarten sind Arten, die auf ganz besondere Strukturen angewiesen sind, also auf alte, ungestörte Wälder mit viel Totholz, mächtigen Baumriesen und jahrzehntelang gewachsenen Lebensräumen. Sie brauchen genau das, was es in unseren intensiv genutzten Wäldern kaum noch gibt. Dazu zählen vor allem Käferarten, die auf Totholz angewiesen sind. In Deutschland kennt man insgesamt 115 solcher Urwaldreliktarten. Rund 20 von ihnen konnten bereits in Naturwaldreservaten nachgewiesen werden – ein Zeichen dafür, wie wichtig diese Wälder sind.

Mehr als Naturschutz – die Ziele eines Naturwaldreservates 

Das Ziel von Naturwaldreservaten geht über den klassischen Naturschutz und Prozessschutz hinaus. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Urwälder mehr – also Wälder, die noch nie menschlich beeinflusst wurden. Wie ein ursprünglicher Wald hierzulande wirklich aussieht, wissen wir daher eigentlich gar nicht. 

Hier kommen Naturwaldreservate ins Spiel. Naturwaldreservate sollen der Forschung dienen, um zu beobachten, wie sich unsere Wälder verändern und aussehen, wenn wir nicht mehr eingreifen. So können Forschende schauen, wie wohl Urwälder in Deutschland aussehen könnten. Der Schutz der Natur und Arten ist dabei eine wertvolle Begleiterscheinung, doch im Mittelpunkt steht das Verstehen einer natürlichen Waldentwicklung. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen dabei, auch unsere “übrigen” Wälder zukunftsfähig zu gestalten, naturnah zu bewirtschaften und den Wald als wertvollen Lebensraum für kommende Generationen zu bewahren.

Wusstest Du schon…?
Da in Naturwaldreservaten viel Forschung betrieben wird, liegen in den meisten Fällen in angrenzender Nähe sogenannte Vergleichsflächen, die man weiterhin bewirtschaftet. So können Forschende direkt untersuchen, wie sich Wälder mit und ohne menschlichen Einfluss entwickeln, vor allem im Hinblick auf die Artenvielfalt, Bodenqualität, Waldstruktur oder Klimaeinflüsse. 

Aus dem alten Stamm wächst neues Grün. Moos und Sauerklee zeigen, wie lebendig Totholz sein kann.

Vom Wirtschaftswald zum Lebensraum – Was 50 Jahre Natur bewirken können

Wälder brauchen Zeit, viel mehr Zeit als wir Menschen. Deshalb dauert es oft Jahrzehnte, bis ehemals bewirtschaftete Wälder sich sichtbar verändern. Dennoch zeigen Naturwaldreservate bereits heute: Wo man die Natur sich selbst überlässt, können Tiere und Pflanzen zurückkehren.

Besonders Totholz spielt eine zentrale Rolle. In Naturwaldreservaten kann sich Totholz in verschiedensten Formen anreichern, weil es nicht mehr entnommen wird. Alte, abgestorbene Bäume bieten Lebensraum für Totholzkäfer, Pilze, Fledermäuse, höhlenbrütende Vögel, Hornissen und seltene Urwaldreliktarten. Durch den hohen Totholzanteil und die Zunahme von Mikrohabitaten siedeln sich in Naturwaldreservaten immer mehr Käfer- und Pilzarten an. Auch Pflanzen wie Flechten kommen hier teilweise häufiger vor als in den angrenzenden Wirtschaftswäldern. Du möchtest mehr über Totholz erfahren? Dann wirf einen Blick in unser YouTube-Video! Dort stellen wir verschiedene Totholzarten vor und zeigen, warum sie für den Wald so wertvoll sind.

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In Naturwaldreservaten wächst nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch der Wald selbst wird vielfältiger. Statt gleichaltriger Bäume entsteht ein lebendiges Mosaik: Neben alten, mächtigen Bäumen stehen kleine, zarte Jungbäume, ein Wechsel verschiedener Generationen und Arten. Dazwischen bleiben abgestorbene Bäume Teil des Waldes und bilden wertvolle Strukturen, die neuen Lebensraum schaffen. So gewinnt der Wald an Tiefe, Dynamik und Charakter.

Alt, jung und dazwischen Totholz. Im Eichen-Ulmen-Auenwald des Naturwaldreservats Karlswörth im Forstamt Groß-Gerau entsteht ein vielschichtiger Wald.

Ob es ein Naturwaldreservat in Deiner Nähe gibt, kannst Du hier bei der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) entdecken, mit spannenden Porträts und Hintergrundinformationen zu jedem Gebiet. Wenn Du ein Naturwaldreservat besuchst, genieße die besondere Atmosphäre, aber bitte verändere nichts. Bleib auf den Wegen und lass alles so, wie Du es vorfindest. Denn nur wenn wir den Wald nicht stören, kann er sich natürlich entwickeln und seine ganze Vielfalt entfalten.