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Wälder sich selbst überlassen: Durch Prozessschutz zum Urwald?

Wälder erfüllen für uns Menschen viele verschiedene Funktionen. Um den Schutz des Ökosystems Wald zu gewährleisten, gibt es die Forderung, Wälder ganz aus der Nutzung zu nehmen. Sie sollen sich dadurch frei von menschlichen Einflüssen entwickeln können. Was Prozessschutz bedeutet und warum die natürliche Waldentwicklung nicht überall sinnvoll ist, erklären wir Euch in diesem Artikel.

Was bedeutet Prozessschutz?

Unter dem Begriff Prozessschutz versteht man, vereinfacht gesagt, die Stilllegung von Wäldern. Man nimmt einen Wald dauerhaft aus der forstwirtschaftlichen Nutzung aus und setzt ihn keinen weiteren menschlichen Einflüssen aus. Man überlässt den Wald seiner natürlichen Entwicklung.Das Ziel ist, dass sich natürliche Prozesse und Abläufe im Wald wieder einstellen können. Der Mensch wartet einfach ab, was dort passiert.

Stillgelegte Wälder können sich natürlich – ohne Einfluss des Menschen – entwickeln.

Entwicklungen vom Prozessschutz können wir bereits im Nationalpark Harz beobachten. Hier werden die Flächen mit vom Borkenkäfer befallenen Fichten nicht wieder aufgeforstet. Solche Absterbeprozesse gehören zu einer natürlichen Waldentwicklung dazu. Eins muss man sich aber bewusst machen: Eine Fläche, die vollständig vom Menschen unbeeinflusst ist, gibt es in Deutschland nicht. Menschengemachter Klimawandel oder Stickstoffeinträge durch landwirtschaftliche Düngung und Abgase von außerhalb lassen sich auch in einem Prozessschutzgebiet nicht vermeiden. Aber: Je größer das Schutzgebiet ist, desto geringer ist auch der menschliche Einfluss von außen.

Wusstest Du schon…?
Aus der Nutzung genommene Wälder, die also in den Prozessschutz übergehen, werden auch als NWE-Flächen bezeichnet: Natürliche Waldentwicklungsflächen.

Wozu gibt es Prozessschutz?

Der Prozessschutz soll Wäldern ermöglichen, sich ihrer natürlichen Entwicklung hinzugeben. Die forstwirtschaftliche Nutzung beeinflusst die Wälder. Es werden beispielsweise Bäume gefällt, die eigentlich viel älter werden könnten. Manche Bäume sind krumm oder haben sehr viele Äste, manche stehen am falschen Ort und bedrängen die wirtschaftlich wertvollen Bäume. Für die Holzproduktion sind sie dann nicht so attraktiv, aber für viele Tier- und Pflanzenarten sind genau diese Bäume besonders wichtig. Kleinststrukturen an Bäumen, sogenannte Mikrohabitate,bieten wichtige Nahrungs- und Lebensgrundlagen für unzählige Arten. Dazu gehören bspw. abgestorbene starke Äste, Stammrisse, Spechthöhlen und noch viele weitere. In einem Wald, der unter Prozessschutz steht, können sich viele Mikrohabitate entwickeln. Dies leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. 

Mikrohabitate wie abgestorbene Äste oder fehlende Rinde sind wichtige Nahrungs- und Lebensgrundlage für unzählige Arten.

Die Beobachtung solcher Prozesse bietet außerdem eine wichtige Forschungsgrundlage, um zu verstehen, wie die natürliche Dynamik in einem Waldökosystem funktioniert. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in einem wirtschaftlich genutzten Wald nur bedingt möglich, in Zeiten des Klimawandels aber umso wichtiger.

Wusstest Du schon…?
Den Einfluss des Menschen von außen in die Gebiete, die aus der Nutzung genommen wurden, bezeichnet man als Randeffekte.

Alter Wald

Wälder, die nicht forstwirtschaftlich genutzt werden, dürfen außerdem gaanz, gaanz alt werden. Dadurch erreichen sie späte Waldentwicklungsphasen, wie die Zerfalls- und Zusammenbruchsphase. Man konnte nachweisen, dass die Artenvielfalt in diesen Phasen enorm ansteigt. Das hat vor allem mit dem Anstieg von Totholz und von Mikrohabitatstrukturen zu tun. Sie bieten einen wichtigen Lebensraum für viele Insekten und Pilze. Diese späten Waldentwicklungsphasen sind also enorm wichtig für den Schutz von Biodiversität.

In forstwirtschaftlich genutzten Wäldern erreichen diese meist gar nicht die späten Waldentwicklungsphasen. Natürlicherweise würden alle Waldentwicklungsphasen in einem Wald nebeneinander vorkommen, etwa so wie ein Flickenteppich, bei dem man die Löcher nach und nach flickt. Wälder, die alle Waldentwicklungsphasen durchlaufen können, besitzen außerdem eine bessere Regenerationsfähigkeit.

Nationalparks sind Großschutzgebiete, in denen die Natur sich selbst überlassen wird. Das Motto lautet hier: Natur, Natur sein lassen.

Wusstest Du schon…?
Nationalparks gehören zu den größten Gebieten, in denen keine menschliche Nutzung stattfindet. Betrachtet man nur die Landfläche, so machen die Nationalparks insgesamt 0,6 % der Fläche Deutschlands aus. 

Stillgelegte Wälder in Deutschland – Urwälder von morgen?

Die Forderungen der Stilllegung von Waldflächen kommen aus den Biodiversitätsstrategien der EU und dem Bund sowie aus dem Bundesnaturschutzgesetz. Die nationale Strategie für Biodiversität forderte (im Jahr 2007), dass bis zum Jahr 2020 5 % der gesamten Waldfläche in Deutschland stillgelegt werden. Im öffentlichen Wald sollten es insgesamt 10 % sein. Die Preisfrage lautet nun natürlich: Hat man dieses Ziel erreicht?

Die Antwort lautet: Nein. Ende 2020 befanden sich gerade mal 3,1 % der Wälder im Prozessschutz. Die Tendenz ist zwar steigend, aber damit ist das Ziel von 5 % bisher noch nicht erreicht.  

Doch warum ist das Erreichen der 5 % so schwierig?

Und warum legen wir nicht einfach alle Wälder still?

Hier könnten wir Euch sämtliche Forst erklärt-Artikel verlinken, in denen es darum geht, warum die Nutzung von Wäldern enorm wichtig ist. Denn die Nutzung von Wald stellt nicht nur einen wichtigen nachwachsenden Rohstoff bereit. Sie kann auch zum Schutz und zum Erhalt ganz besonderer Waldstrukturen beitragen.

Dass wir aktuell noch nicht bei den 5 % angelangt sind, hat zum einen damit zu tun, dass man die Flächen für die natürliche Entwicklung erstmal auswählen muss. Dabei gibt es natürlich Flächen, dieaus Sicht des Naturschutz einen höheren Wert besitzen als andere, da sie bspw. bestimmte Arten beherbergen. Außerdem ergibt es Sinn, Waldflächen auszuwählen, auf denen eine Nutzung bisher sowieso schwierig ist, denn wenn die Nutzung hier wegfällt, sind die finanziellen Einbußen geringer und die Entscheidung der Stilllegung fällt leichter. 

Kontroversen des Prozessschutz

Hier kommen wir auch schon zur größten Kontroverse des ganzen Thema Prozessschutz: Wenn wir Wald stilllegen, Holz als Rohstoff aber gefragt ist, wo kommt das Holz dann her? Beispiele wären Schweden, Russland oder Rumänien. Doch wie nachvollziehbar sind die Bedingungen der Holznutzung dort für uns? Und wie klimaschonend ist der Rohstoff noch nach kilometerweitem Transport? Wälder in Deutschland ganzflächig stillzulegen wäre demnach also nicht zielführend. 5 % der gesamten Fläche sollten aber dennoch drin sein, um die Interessen und Ziele des Artenschutzes zu verfolgen. 

Doch ist ein stillgelegter Wald auch gleich ein Urwald? Als Urwälder bezeichnet man die Wälder, die noch nie von Menschen beeinflusst wurden. In Deutschland gibt es das nicht mehr. In den Karpaten findet man beispielsweise noch Wälder, die der Mensch niemals genutzt hat. Wälder, die stillgelegt werden, können sich zwar wieder urwaldähnlich entwickeln, aber ohne menschlichen Einfluss waren sie dennoch nie.

Prozessschutz, ja oder nein?

Der Prozessschutz bietet im Rahmen des Waldnaturschutz viele Vorteile: die natürliche Entwicklung von Wäldern bedeutet einen Schutz der darin lebenden Artenvielfalt. Gleichzeitig bietet das einen Schutz von Genressourcen. Dadurch, dass die Wälder alle Waldentwicklungsphasen durchlaufen können, besitzen die Wälder zudem eine bessere Regenerationsfähigkeit. Die Beobachtung der natürlichen Dynamik und Prozesse sind zudem Forschungsgrundlage und liefern wichtige Erkenntnisse, auch für die naturnahe Bewirtschaftung in Wäldern.

Sowohl stehendes, als auch liegendes Totholz ist in einem Wald wichtig.

Gleichzeitig gibt es die Befürchtung, dass durch den Prozessschutz die Vielfalt von verschiedenen Strukturen verloren geht. Bspw. befürchten einige Forscher:innen, dass es in Prozessschutzwäldern zu starker Verdunkelung kommt was vor allem lichtbedürftige Arten negativ beeinflusst. Solchen Arten helfen gezielte naturschutzfachliche Maßnahmen durch den Menschen. Durch das Stilllegen von Wald wird außerdem die wichtige Ressource Holz nicht genutzt, was wiederum dem Ziel entgegensteht, CO2 einzusparen.

Wusstest Du schon…?
Prozessschutz wird auch als segregative Naturschutzmaßnahme bezeichnet. Das Gegenteil ist der integrative Naturschutz, wo Menschen durch bestimmtes Management in die Natur eingreifen und Naturschutz gemeinsam mit Nutzung erfolgt.

Konnten wir bei Euch Interesse für das Thema Stilllegung von Wäldern wecken? Auch Jan und Felix haben sich damit auseinandergesetzt. Mehr zu diesem Thema erfahrt Ihr in unserem Video.

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