Zur Zeit sterben auf der ganzen Welt Arten aus. Lebensräume, auf die sie angewiesen sind, werden zerstört und damit auch ihre Lebensgrundlage. Das Artensterben findet allerdings nicht nur im Regenwald Südamerikas statt, sondern auch in den Deutschen Wäldern. In den hiesigen Wäldern, vor allem in den bewirtschafteten, mangelt es an Biotop-, Alt- und Totholz. Auf diese besonderen Baum- und Holzstrukturen sind aber eine Vielzahl von – teils sehr seltenen – Tieren, Pflanzen und Pilzen angewiesen. Was nun? Die Deutschen Wälder stilllegen? Aufgrund der großen Nachfrage des nachwachsenden Rohstoffes Holz ist das sicher nicht die cleverste Lösung. Dennoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten und Bemühungen die Artenvielfalt in den Deutschen Wäldern zu erhalten. Wieso wir in den Wäldern mehr Totholz brauchen und wie bereits dafür gesorgt wird, erfahrt Ihr in diesem Artikel.

In diesem alten Stamm hat ein Specht nach Nahrung gesucht.

Was ist Biotop-, Alt- und Totholz?

In “jungen” Jahren sehen Bäume meist sehr gesund und „makellos“ aus. Gerade Stämme, gesunde Äste und keine Rindenverletzungen. Mit zunehmendem Alter bekommen die Bäume dann langsam ihre Wehwehchen. Wie bei uns Menschen eben. Nur nicht mit 50 oder 60 Jahren – das kommt uns Studierenden jetzt mal alt vor – sondern erst mit 180 Jahren und aufwärts. Dann bricht mal ein Ast aus der Krone, ein umgestürzter Baum verletzt die Rinde oder der Baum ist nicht mehr so vital und widerstandsfähig.

Nun bilden sich sogenannte Mikrohabitate. Das sind Teile am Baum, die zu kleinen Lebensräumen für unterschiedliche Lebewesen werden. Wenn beispielsweise die Rinde, also das „Schutzschild“ des Baumes verletzt ist, finden Pilzsporen ihren Weg ins Holz. Diese beginnen, das Holz zu zersetzen. Käfer und andere Vielfüssler fangen an, dieses zu fressen. So wird der alte Baum plötzlich zu einem gedeckten Tisch für den Specht, der es auf die schmackhaften Insekten abgesehen hat. Während der Nahrungssuche zimmert sich der Specht auch gleich noch eine Stube in den langsam absterbenden Teil des Baumes. Hier kann aus einem gesunden Baum ein Biotop – also Kleinstlebensraum, eben ein Mikrohabitat – für unzählige Arten werden. Man kann also sagen, dass fast jeder alte Baum auch ein Biotopbaum ist. Das tote Holz der alten Bäume stellt dabei das Biotop dar.  Die Begriffe sind also stark aneinander gebunden.

Hier findest Du unser Video zum Thema Totholz. Wir freuen uns über’s Einschalten!

Wieso ist Totholz so wichtig?

Viele Lebewesen sind Spezialisten. Sie sind also auf eine gewisse Pflanze oder einen Pilz als Nahrungsquelle oder Lebensraum angewiesen. Zahlreiche Arten sind aber nicht nur auf eine Pflanze angewiesen. Sondern auf ihr Holz, und das in einem bestimmten Zustand. Ein Beispiel kennt sicher jede:r. Den Hirschkäfer. Die Larven des Hirschkäfers sind auf totes Wurzelholz oder morsche Holzstrukturen mit Erdkontakt angewiesen. Dieses muss aber bereits durch Pilze und andere Lebewesen zersetzt worden sein. Das sind häufig alte dicke Eichen, es können aber auch andere Baumarten sein. Dann überleben die Larven des Hirschkäfers dort sehr gut. Spezialisten eben. Da es diese Art von Bäumen und Holz nur noch selten gibt, ist auch der Hirschkäfer selten geworden.

Wiederum andere Arten wie der Siebenschläfer oder Fledermäuse sind auf verlassene Spechthöhlen angewiesen, die sie als Unterschlupf nutzen. Diese gibt es in jungen makellosen Bäumen nur sehr selten. Aber nicht nur größere Tiere und Insekten profitieren von alten Bäumen. Auch Millionen von Kleinstlebewesen, wie Nematoden, sind dort zuhause. Sie leben zum Beispiel auf dem Fruchtkörper des Zunderschwamms, einem Pilz, der hauptsächlich an Buchen vorkommt.

Der Zunderschwamm bietet Lebensraum für Millionen Kleinstlebewesen.

Wieso gibt es nur so wenig Totholz im Wirtschaftswald?

Ein wichtiger Aspekt der Bewirtschaftung von Wäldern ist die Ernte von Bäumen und der Bereitstellung des Rohstoffes Holz. Baut man daraus Möbel oder stellt Dielen her, soll das Holz möglichst ohne Fehler sein. Klar, einen Trägerbalken für das Dach aus verrottendem Nadelholz zu bauen, ist sicher nicht die beste Idee. Also fällt man die Bäume, bevor das Holz abstirbt und sich die oben genannten Sonderstrukturen ausbilden. Die Fällung geschieht je nach Baumart in unterschiedlichen Altersspannen. Bei Kiefer und Fichte wird nach ca. 80-100 Jahren gefällt, die Buche erst nach 130 Jahren und die Eiche soll sogar rund 200 Jahre alt werden.

Wegen der vielen Äste und Wölbungen ist das Holz nicht mehr gut verwendbar – der Baum fungiert jetzt als Habitat.

Allerdings stellen absterbende Bäume eine erhebliche Gefahr für Forstwirt:innen dar. Beim Fällen von Bäumen können tote Äste aus der Krone (benachbarter Bäume) ausbrechen und die Arbeitenden tödlich verletzen. 

Wusstest Du schon…? 
Um die Gefahr für die Forstwirt:innen zu minimieren und trotzdem das wichtige Totholz im Wald zu halten, können so genannte Habitatbaumgruppen gebildet werden. Dafür werden nah beieinander stehende naturschutzfachlich interessante Bäume nicht mehr genutzt. So können sich auf kleiner Fläche gehäuft Mikrohabitate entwickeln. Die Gefahr für Arbeitende auf der Fläche bleibt aber gering.

Natürlich besiedeln auch unzählige Lebewesen den Wald ohne Totholz. Flechten, Moose, Pilze, Blühpflanzen und der Boden bieten dazu genug Lebensraum. Der Wald ohne Totholz ist also keine ökologische Wüste. Zudem sich auch in einem Wirtschaftswald Totholz in Form von alten und umgestürzten Bäumen sammelt. Aber meist eben nicht genug.

Was wird bereits getan?

Alle Landesforstverwaltungen in Deutschland, sowie zahlreiche Privat- und Kommunalforstbetriebe achten bereits darauf, größere Mengen von Alt- und Totholz im Wald zu lassen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. Eine ist die Stilllegung von Waldflächen als sogenannte Prozessschutzflächen. Hier soll der Wald sich ohne menschliche Einflüsse entwickeln können. Die Einrichtung von Nationalparks ist der häufigste Grund, weshalb auf großer Fläche Prozessschutz betrieben werden kann. Das nennt man segregativen Waldnaturschutz. Die Flächen werden also entsprechend der Zielsetzung (Naturschutz oder Holzbereitstellung) voneinander getrennt. Eine andere Möglichkeit ist der integrative Waldnaturschutz. Hier soll auf der gesamten Waldfläche Alt- und Biotopholz angereichert werden. Also in die bewirtschaftete Fläche integriert werden. Sinnvoll ist es, beide Methoden zu etablieren. Einerseits können vollständig entwickelte natürliche Lebensräume entstehen. Auf der anderen Seite können die Individuen zwischen diesen segregierten Flächen auf sogenannten Trittsteinen, also einzelnen Biotopbäumen, die Flächen wechseln.

Über verstreute Biotopbäume können Individuen zwischen verschiedenen geschützten Flächen wechseln.

Genaue Zielmengen und Flächengrößen sind aber schwer zu definieren. Die naturwissenschaftliche Empfehlung zur Erhaltung der Biodiversität in den Deutschen Wäldern liegt bei 30-60 Fm Totholz je Hektar. Nach der Bundeswaldinventur von 2013 stehen und liegen jedoch 20,6 Fm Totholz je Hektar in unseren Wälder. Es gibt also noch etwas zu tun!
Als Vergleich dazu: In Urwäldern in der Slowakai, der Ukraine und Albanien wurden Totholzmengen von 30 bis 300 Fm festgestellt.
Die Totholzmengen im Deutschen Wald und in den Urwäldern Osteuropas unterscheiden sich also deutlich. Aber genauso tun es eben auch die Ansprüche und Interessen an den Wald.

Totholzprogramme einzelner Forstbetriebe laufen bereits seit mehreren Jahrzehnten. Das Problem ist aber, dass Bäume erst naturschutzfachlich interessant sind, wenn sie besonders alt sind. Das kann auch gut und gerne ein Jahrhundert dauern. Konkrete Ergebnisse innerhalb der nächsten zehn Jahre sind also kaum zu erwarten. Aber wie so häufig denkt man auch hier in der Forstwirtschaft über mehrere Generationen.

Wieso Tot- und Altholz im Wirtschaftswald wichtig ist…

Natürlich könnte man nun auch sagen, dass einem die ganzen Krabbeltierchen und Fledermäuse egal sind und der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund steht. Abgesehen von der Verpflichtung, die Biodiversität in funktionierenden Ökosystemen aufrecht zu erhalten und zu fördern, gibt es auch indirekte finanzielle Vorteile für Waldbesitzende. Hier findet Ihr ein paar, aber natürlich nicht alle.

Alte, tief verwurzelte Eichen am Waldrand dienen als Sturmbrecher. Der Wind wird dort in seiner Stärke etwas abgemildert. So wird die Gefahr, dass Bäume im Bestand umstürzen oder abbrechen, reduziert. Das Risiko der Zerstörung ökonomisch wertvoller Bäume sinkt also ebenfalls. Außerdem schließen die tiefen Wurzeln den Boden auf, verbessern die Wasserversorgung und bereiten den Wurzelraum für kommende junge Bäume vor. Es gibt sogar eine Hypothese, dass tiefverwurzelte Bäume die Nährstoffe aus den unteren Bodenschichten über den Laubabwurf für die jungen Bäume verfügbar machen. So kommen auch die jüngeren Bäume, die noch nicht so lange und tiefe Wurzeln haben, an die Nährstoffe und wachsen besser. Hier wird es dann aber schon sehr wissenschaftlich.

In dieser Linde haben schon Fledermäuse, wilde Bienen und Waldkäuze gelebt!

Totes Holz dient außerdem als Wasserspeicher. Wenn der Boden ringsum schon trocken ist, gibt das Holz noch Feuchtigkeit an die Umgebung ab. So leiden die umstehenden Bäume seltener unter Trockenheit.
Außerdem erhalten „wirtschaftlich uninteressante“ Bäume, also krumme und schiefe, die genetische Vielfalt. Diese sind zwar für die Bereitstellung von Bauholz ungünstig, sind aber vielleicht besser an den Klimawandel angepasst. 
Ein funktionierendes und diverses Ökosystem puffert die massenhafte Vermehrung von Schadorganismen, wie die des Borkenkäfers, ab. Die Gegenspieler, also Fressfeinde, vieler Schadinsekten sind aber auf besondere Lebensräume angewiesen. Fehlen diese, fehlen auch die Gegenspieler der Schaderreger.

Die naturschutzfachlichen Vorteile bringen also auch finanzielle Vorteile mit sich. Waldbesitzer:innen sind also, wenn sie Totholz in gewissen Mengen anreichen, sowohl ökologisch als auch ökonomisch auf der Gewinnerseite.

Bewohner von Biotopbäumen (Grafik: Torben Föhrder)

Fazit: Totholz bietet wichtigen Lebensraum

Ihr habt nun also gelernt, dass es unterschiedliche Strukturen im Wald und an den Bäumen gibt. Auf diese sind zahlreiche seltene Arten angewiesen. Damit diese Lebensraumstrukturen erhalten werden und auch entstehen können, gibt es die Möglichkeit des integrativen und segregativen Waldnaturschutzes. Hierzu werden bereits seit geraumer Zeit große Bemühungen unternommen. Da wir aber aktueller denn je auf die Nutzung von Holz, auch und gerade im Kampf gegen den Klimawandel, angewiesen sind, ist die Bewirtschaftung der Wälder, mit einem Ziel der Holznutzung, in unseren Augen unumstritten. Ökologie und Ökonomie werden in Bezug auf den Wald oft kontrovers diskutiert. Hier ist es notwendig bei der Bewirtschaftung unserer Wälder ein Gleichgewicht dieser Pole zu halten und basierend auf dem aktuellen Stand der Forschung zu arbeiten.

Nun seid Ihr gefragt: Habt Ihr einen “Lieblings”altbaum? Welche seltenen Arten konntet Ihr dort schon entdecken? Schreibt es uns in die Kommentare!

Edit: Der Absatz „Die Larven des Hirschkäfers sind auf das Holz dicker alter Eichen angewiesen. Dieses muss aber bereits durch Pilze und andere Lebewesen zersetzt worden sein. Sie verarbeiten es zu sogenanntem Mulm.“ mussten wir dankenswerterweise nach einer Rückmeldung ändern, da er fachlich nicht ganz korrekt ist.

Quellen:

C. Ammer (2019): Diversity and forest productivity in a changing climate. In:  New Phytologist  221: 50–66.
L. Drössler (2006): Struktur und Dynamik von zwei Buchenurwäldern in der Slowakei. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie der Georg-August-Universität Göttingen.
D. Kraus & F. Krumm (2013): Integrative Approaches as an Opportunity for the Conservation of Forest Biodiversity.