Der Eichenprozessionsspinner verbreitet sich immer mehr in Deutschland und sorgt mit seinen Brennhaaren für einige Probleme. Wir haben mit einem Experten gesprochen und für Euch den aktuellen Stand der Wissenschaft und Forschung zum Eichenprozessionsspinner in diesem Artikel zusammengefasst. 

Das komplette Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Rohe, Entomologe (Insektenforscher) an der HAWK in Göttingen findet Ihr weiter unten als Video verlinkt. Falls Ihr lieber eine schnelle Zusammenfassung des Wissens sehen wollt, guckt Euch einfach dieses Video an, in dem Jan Euch die wichtigsten Fakten zum Eichenprozessionsspinner erklärt. Oder Ihr lest euch einfach diesen Artikel durch.

Was ist überhaupt ein Eichenprozessionsspinner?

Der Eichenprozessionsspinner (oder kurz oft einfach EPS genannt) ist ein Nachtfalter. Also eine in der Nacht fliegende Schmetterlingsart. Umgangssprachlich werden Nachtfalter oft auch einfach Motten genannt, auch wenn das wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist. Die Bestimmung des ausgewachsenen Falters (man spricht hier von dem Adulttier) ist für den Laien nicht ganz einfach, auch weil der Falter recht einfach mit anderen Insekten verwechselt werden kann. Grundsätzlich ist er aber grau, wie die Borke einer Eiche und am Körper recht stark behaart. Eindeutig erkennen kann man den EPS aber an seinen Nestern. Denn wie bei allen Schmetterlingen legen die ausgewachsenen Weibchen Eier, aus denen Larven (Raupen) schlüpfen. Diese verpuppen sich dann nach einiger Zeit zu einem ausgewachsenen Tier, das wir dann als Motte oder Schmetterling kennen. Die Larven des EPS sammeln sich in großen Nestern, die aus den Larven, feinen Seidenschnüren und Kotresten bestehen. Die bis zu 3 Meter langen Nester findet man an Baumstämmen der Eiche. 

Der Falter des EPS

Seinen Namen hat der Eichenprozessionsspinner daher, dass die Raupen in langen Prozessionen am Baum hoch laufen. Das sieht mitunter ganz schön skurril aus!

Warum gab es Früher keine Probleme mit dem EPS?

EPS Prozession

“Früher war alles besser!” hört man ja oft. Und tatsächlich gab es in der Vergangenheit bei uns noch kein großes Problem mit dem Eichenprozessionsspinner. Bei dem  handelt es sich um eine bei uns heimische Art, die schon immer in Deutschland existiert hat. Das hat sich lange Zeit aber nur auf relativ wenige Vorkommen beschränkt. Nun gibt es aber den Klimawandel, der bei uns zu immer längeren Trockenperioden führt. Das sind leider genau die Bedingungen, die der Eichenprozessionsspinner braucht um sich stark fortzupflanzen und zu verbreiten. Die Forscher um Professor Rohe vermuten also, dass das vermehrte Auftreten des EPS eine weitere Folge des Klimawandels ist!

Was ist das Problem am EPS?

Wenn die Raupe des EPS sich zum Falter verpuppt, durchläuft sie verschiedene Stadien. Dabei entwickelt sich der Raupenkörper nach und nach zu dem eines Falters. 

Ab dem 3. Larvenstadium, was meist im Mai erreicht wird, entwickelt die Raupe sogenannte Brennhaare. Das sind nicht die langen Haare, die man auf Bildern erkennen kann, sondern mikroskopisch kleine Haare, die mit dem bloßen Auge gar nicht sichtbar sind. Eine einzige Raupe kann bis zu 630 000 Brennhaare entwickeln. Diese Haare sind genau das Problem. Denn sie enthalten das Gift Thaumetopoein, das bei Kontakt mit der Haut des Menschen einen Hautausschlag verursacht. Kommt man mehrfach mit dem Gift in Berührung kann der Ausschlag immer heftiger werden (Allergisierung) und sogar bis zu einem Schock führen. Bei Kontakt mit den Augen oder beim Einatmen der Haare ist sofort ein Arzt aufzusuchen!

Das Problem beim EPS ist, dass die Brennhaare nicht nur direkt an den Raupen sind, sondern von den Raupen fallen gelassen werden. Die Haare werden dann mit dem Wind in der Umgebung verteilt. So ist nicht nur das Nest eine Gefahr, sondern bereits die gesamte Umgebung des Nestes.

Die Raupe des EPS. Die Brennhaare sind hier nicht erkennbar.

Was muss ich bei Kontakt mit den Brennhaaren machen?

Wichtig ist bei Kontakt mit den Brennhaaren nicht zu kratzen!

Falls Euch das schwer fällt, könnt Ihr eine cortisonhaltige Creme auftragen um den Juckreiz zu stoppen. Grundsätzlich juckt es drei Tage sehr stark und flaut dann in den nächsten zwei Wochen immer weiter ab. Im Notfall aber immer besser einen Arzt aufsuchen.

Achtung! Auch Tiere leiden unter den Brennhaaren. Passt also gut auf, wenn Ihr mit eurem Hund spazieren geht oder andere Tiere besitzt!

Was bedeutet ein EPS-Befall für den Baum?

Der Eichenprozessionsspinner befällt – wie der Name schon sagt – Eichen. Bei einem starken Aufkommen kann er aber in seltenen Fällen auch andere Bäume befallen. Wenn ein Baum befallen ist, führt das dazu, dass die Raupen die Blätter auffressen. Das Problem ist, dass dies nicht nur durch den EPS geschieht. Es gibt eine Gruppe von verschiedenen Insekten, die auch als “Eichenfraßgesellschaft” bekannt sind. In dieser Gesellschaft können sie so das Blattwerk ganzer Bäume vertilgen. Das nennt man dann Kahlfraß. Der schwächt den Baum und kann diesen in Kombination mit Folgeschäden zum Absterben bringen. Man spricht dann auch vom Eichensterben.

Der EPS bildet oft Nester am Stamm der Eiche

Was muss ich tun, wenn ich ein EPS Nest finde?

Wenn Ihr ein Nest findest, solltet Ihr also zunächst einmal Abstand halten! Da die Verbreitung des EPS noch aktiv erforscht wird könnt Ihr nun einen wichtigen Beitrag zur Forschung leisten, indem Ihr ein Foto des Nestes aufnehmt und es über die App meldet. Die App hat Professor Rohe in Zusammenarbeit mit anderen Experten entwickelt um besser beobachten zu können, wie der EPS sich in Deutschland verbreitet und verhält.

Wenn das Nest in der Nähe eines öffentlich genutzten Bereiches ist, solltest Du das Nest zusätzlich bei der zuständigen Behörde, also z. B. bei der Stadt melden. Ist das Nest auf Deinem eigenen Grundstück kontaktierst Du am Besten eine Professionelle Firma zur Entfernung!

Wie werden EPS Nester entfernt?

Das Wichtigste ist, dass die Entfernung der Nester absolute Profisache ist!

Die Entfernung erfolgt mit besonderen Verfahren und in kompletter Schutzmontur. Also in einem luftdichten Schutzanzug. Mit dem Kontakt mit den Brennhaaren ist nicht zu spaßen!

Auf gar keinen Fall sollte man mit Flammenwerfern oder Sprühklebern hantieren. Damit verteilt man die Brennhaare nur zusätzlich und verschlimmert das Problem. Die Gefahr geht ja nicht nur vom Nest aus, sondern auch von der umliegenden Vegetation!

Die Profis arbeiten dann mit verschiedenen Verfahren: Mit der Absaugung von Nestern, mit einem speziellen Schaum und Heißwasser-Verfahren, oder auch mit dem Ausbringen von Nematoden, also mikroskopisch kleinen Fadenwürmern, die ein Bakterium in den Darm der Raupen bringen, dass diese abtötet.

Zwar könnte man den EPS auch mit Chemischen Mitteln bekämpfen, das verursacht aber auch einen Schaden für andere Insekten, oder Tiere, die sich von Insekten ernähren. Man vermutet dass Chemische Biozide einer der Gründe für das weltweite Insektensterben sind! Daher sollten chemische Mittel nur die allerletzte Notlösung sein.

Was kann ich selber gegen den EPS tun?

Das schöne an der Natur ist ja, dass sich in der Theorie zumindest alles in einem Gleichgewicht befinden könnte – wenn der Mensch nicht so einen großen Einfluss ausüben würde. So hat der Eichenprozessionsspinner auch einige natürliche Feinde. Das sind zum Beispiel Fledermäuse und Vögel, aber auch eine Menge Insekten. Das Ärgerliche ist, dass der Mensch immer mehr Lebensräume von Tieren und Insekten zerstört. Das führt dazu, dass es weniger Insekten gibt und so auch weniger Insekten, die den EPS bekämpfen.

Eine tolle Möglichkeit im Kampf gegen den EPS ist also das Aussäen von heimischen Blumenwiesen. Die bieten dann Schlupfwespen und anderen Insekten ein Zuhause, die für eine Verringerung der EPS Nester sorgen. Das tun sie zum Beispiel, indem sie ihre Eier in den Larven des EPS ablegen, oder indem sie Vögel anlocken, die unter anderem auch den EPS zu ihrem Nahrungsspektrum zählen.

Hier sieht man mal wieder sehr eindrücklich, wie unglaublich komplex unsere Welt ist, und dass es oft Zusammenhänge gibt, die sich auf den ersten Blick vielleicht gar nicht erschließen. Nur durch Forschung und Wissenschaft sind wir in der Lage Probleme zu erkennen. Die Lösung liegt dann aber in den Händen von uns allen.

Wenn ihr auch einen Beitrag zur Reduzierung des EPS-Vorkommen leisten wollt, nebenbei noch was für die Artenvielfalt und gegen das Insektensterben tun und dazu noch eure Umgebung verschönern wollt, könnt ihr einfach selber Blumenwiesen aussäen! Das sollte allerdings mit regionalem Saatgut geschehen. Hier findet Ihr eine Übersicht von Händlern!

Wo finde ich weitere Infos zum EPS?

Das Wissen aus diesem Artikel haben wir im wesentlichen aus einem Interview, welches wir mit Prof. Dr. Rohe führen durften. Das komplette Interview könnt ihr euch hier anschauen:

Falls Ihr Euch noch tiefer in die Marterie einarbeiten wollt, können wir Euch das Buch empfehlen, das Herr Rohe zu dem Thema veröffentlicht hat. Es beantwortet alle Fragen, die man zum EPS haben könnte und stellt den aktuellen Stand des Wissens mit vielen Bildern und Grafiken dar. In den Recherchen zu diesem Artikel haben wir gemerkt, welch hohen Wert qualitativ hochwertige Aufnahmen von Insekten und den damit verbundenen Phänomenen haben!

Für die Recherche zu diesem Artikel haben wir freundlicherweise ein Besprechungsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, wir würden das Buch aber nicht empfehlen, wenn wir nicht persönlich von seinem Mehrwert überzeugt wären!

Uns würde nun Interessieren, ob Ihr schon Begegnungen mit dem Eichenprozessionsspinner gemacht habt. Schreibt uns mal gerne in die Kommentare, ob das Insekt bei Euch ein Problem ist, oder wie so Eure Erfahrungen sind (Vergesst nicht ungefähr einen Ort anzugeben).

Quellen: