Plagegeist oder unterschätzter Zukunftsbaum? Zwischen invasiver Ausbreitung, ökologischem Nutzen und forstlichen Chancen ist die Traubenkirsche vor allem eines: eine Baumart, die polarisiert. Was einst als attraktives Gartengehölz aus Nordamerika nach Europa gebracht wurde, hat sich längst seinen eigenen Platz in unseren Wäldern erobert und sorgt dort für hitzige Diskussionen. Sie wächst schnell, breitet sich rasant aus und kann andere Baumarten verdrängen. Für viele Förster:innen ist sie deshalb ein unerwünschter Eindringling. Gleichzeitig bringt die Spätblühende Traubenkirsche durchaus positive Eigenschaften mit sich und zeigt eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel. Doch was steckt wirklich hinter der Kontroverse? Das erfahrt Ihr in diesem Artikel. 

Wie die Eiche wohl die Konkurrenz zur Spätblühenden Traubenkirsche findet?

Verwechslungsgefahr – Traubenkirsche ist nicht gleich Traubenkirsche!

Die Traubenkirsche ist durch ihre weißen, duftenden Blüten, die in langen Trauben vom Zweig hängen, bekannt. Daher ihr Name. Doch genau hier lauert bereits die erste Verwechslungsgefahr: Die Spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina) sieht der bei uns heimischen verwandten Art, der Gewöhnlichen Traubenkirsche (Prunus padus), zum Verwechseln ähnlich. Ein Blick auf den Kalender hilft bei der ersten Unterscheidung: Während die Gewöhnliche Traubenkirsche bereits im April und Mai ihre Blüten öffnet, lässt sich die Spätblühende Traubenkirsche etwas mehr Zeit. Sie blüht meist im Mai und Juni – etwa sechs Wochen später. Daher heißt sie auch die „späte“ Traubenkirsche.

Die Blätter helfen bei der Unterscheidung der beiden Traubenkirsch-Arten.

Doch woran könnt Ihr die beiden Arten im Wald auseinanderhalten? Der entscheidende Unterschied ist, dass die spätblühende Traubenkirsche als invasiv zählt. Sie kommt also eigentlich ursprünglich nicht aus Deutschland, aber verbreitet sich hier so gut, dass sie sogar unsere heimischen Arten verdrängt. Ihr findet sie auch auf unterschiedlichen Standorten, denn die spätblühende Traubenkirsche kommt eher auf nährstoffarmen Standorten vor, während unsere heimische Traubenkirsch es gerne nass und nährstoffreich mag. Rein optisch muss man aber genauer auf die Blätter schauen. Die Gewöhnliche Traubenkirsche besitzt eher weiche, mattgrüne Blätter. Die Spätblühende Traubenkirsche hingegen trägt deutlich derbere, ledrige Blätter. Ihre Oberseite ist kräftig dunkelgrün und auffällig glänzend. Die Unterseite hingegen ist heller und besitzt weißliche, später bräunliche Härchen. 

Kirsche mit eigenen Rhythmus

Auch im Jahresverlauf zeigt die Spätblühende Traubenkirsche, teilweise nur späte Traubenkirsche genannt, ihren eigenen Rhythmus. Ihre Blätter treiben vergleichsweise spät aus und bleiben im Herbst lange am Baum. Erst wenn das Laub vollständig entwickelt ist, öffnen sich Ende Mai oder Anfang Juni die kleinen, weißen Blüten. Bis zu 30 von ihnen sitzen dicht gedrängt in 6 bis 15 Zentimeter langen Blütentrauben, die zunächst aufrecht stehen und sich später elegant nach unten neigen. Im Spätsommer reifen die kleinen Früchte heran. Aus zunächst grünen Kirschen werden nach und nach dunkelviolette bis fast schwarze Früchte. Ende August bis September ist die Reife erreicht und der Baum trägt kleine, tiefschwarze „Kirschen“.

Wusstest Du schon…?
Aufpassen! Nur weil die Spätblühende Traubenkirsche kleine, glänzende “Kirschen” trägt, solltest Du nicht einfach zugreifen. Die Samen in der Frucht sind nämlich giftig. Werden die Samen zerbissen oder zerkaut, können daraus giftige Blausäureverbindungen entstehen, die uns Menschen schaden können. Ähnlich wie man es schon bei der Vogelbeere kennt.

Sieht aus wie ein leckeres Obst-Buffet – wir Menschen sollten aber nicht zugreifen.

Von der Zierpflanze zur invasiven Art

Ursprünglich stammt die Spätblühende Traubenkirsche aus dem östlichen Nordamerika und kommt von Kanada bis hinunter nach Florida vor. Als Gartengehölz gelangte sie bereits 1685 erstmals nach Deutschland. Was zunächst harmlos als Zierpflanze begann, sollte später eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ende des 19. Jahrhunderts weckte die Spätblühende Traubenkirsche große Hoffnungen. Als schnellwachsende Baumart sollte sie auf den armen, sauren Sandböden Deutschlands wertvolles Holz liefern. Doch schnell zeigte sich: Unter den europäischen Bedingungen blieben die Bäume deutlich kleiner als ihre nordamerikanischen Artgenossen und wuchsen häufig nur strauchförmig.

Trotzdem gab man die späte Traubenkirsche nicht auf. Stattdessen wurde sie fleißig gepflanzt, vor allem als Wind- und Brandschutz, zur Aufforstung von Heideflächen, als Dünenbefestigung und um kahle Flächen möglichst schnell zu begrünen. Was damals als gute Idee begann, entwickelte jedoch bald eine eigene Dynamik: Von den angepflanzten Beständen aus eroberte die späte Traubenkirsche immer mehr Wälder und angrenzende Freiflächen. Dabei zeigt sie vor allem in kühl-feuchten Wäldern mit tiefgründigen, nährstoffarmen Böden ihr volles Potenzial. Hier wächst sie nicht nur strauchförmig, sondern kann sich zu einem stattlichen Baum von über 30 Metern Höhe entwickeln. Heute ist die Spätblühende Traubenkirsche vor allem auf den sandigen Standorten Deutschlands vielerorts fest etabliert, z.B. in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in NRW könnt Ihr sie häufig im Wald vorfinden. Doch warum ist die Ausbreitung der späten Traubenkirsche so problematisch? Dazu mehr im nächsten Abschnitt. 

Wusstest Du schon…?
Vögel, Damwild und andere Säugetiere tragen maßgeblich zur Verbreitung der Spätblühenden Traubenkirsche bei. Sie fressen die reifen Früchte und transportieren die Samen dabei oft über weite Strecken, bevor sie sie an anderer Stelle wieder ausscheiden. Doch die Reise durch den Verdauungstrakt hat noch einen weiteren Effekt: Bei verschiedenen Vogelarten keimen die Samen sogar besser, nachdem sie gefressen wurden. Und selbst wenn sie nicht sofort austreiben, bleiben sie im Boden bis zu fünf Jahre keimfähig.

Wie die Spätblühende Traubenkirsche unsere Wälder eroberte 

Die Spätblühende Traubenkirsche gilt aufgrund ihrer hohen Vermehrungs- und Ausbreitungsfähigkeit als besonders invasive Art in Deutschland. Sie wächst in ihrer Jugend schnell, produziert zahlreiche Samen und lässt diese von Vögeln und Säugetieren weit in die Umgebung tragen. Gleichzeitig kommt sie auch im jungen Alter mit wenig Licht zurecht. Diese typischen Pionierbaum-Eigenschaften verschaffen ihr einen entscheidenden Vorteil. So bahnt sie sich ihren Weg in lichte Eichen-, Kiefern– und Lärchenbestände. Wo sie einmal Fuß fasst, wächst sie schnell zu dichten Beständen heran, so kann sie Lücken perfekt erobern. Da die Spätblühende Traubenkirsche so dicht und schnell nebeneinander wächst, nimmt sie den anderen Baumarten das Licht, die Nährstoffe und den Raum zum Wachsen weg. Dadurch kann sie die natürlich vorkommende Verjüngung verdrängen und die heimischen Baumarten wie die Eiche oder Lärche haben ohne genügend Licht kaum eine Chance. Somit wird die natürliche Artenzusammensetzung des Waldes verändert.

Besonders schwierig wird ihre Ausbreitung in Magerrasen und Heidegebieten, denn dort verdrängt sie seltene und schützenswerte Pflanzenarten, die meistens auch nur auf diesen besonderen Standorten vorkommen. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist das ein Problem. 

Die Spätblühende Traubenkirsche erobert die Lücken – auch mit weniger Licht unter den anderen höheren Bäumen.

Zurückdrängen oder gewähren lassen? 

Doch was lässt sich aus forstlicher Sicht gegen die Spätblühende Traubenkirsche unternehmen? Eine einfache Patentlösung gibt es nicht. Welche Strategie sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Wildtierdichte, den vorhandenen Baumarten, dem Alter des Waldes und dem Ausbreitungsdruck aus der Umgebung ab. Hinzu kommt: Wer die späte Traubenkirsche einfach absägt, wird sie nicht unbedingt los. Im Gegenteil, nach Verletzungen treibt sie häufig kräftig aus Stümpfen und Wurzeln wieder aus. Auch Wurzelfragmente können neue Pflanzen hervorbringen. Eine waldbauliche Bekämpfung erfordert deshalb meist einen langen Atem und kann kosten- und arbeitsintensiv sein.

Langfristig kann vor allem der Wald selbst helfen: Schattentolerante Baumarten wie die Buche (Fagus sylvatica) können der Traubenkirsche durch ihr geschlossenes Kronendach das Licht nehmen und sie so nach und nach zurückdrängen. Je nach Standort und Ziel kann es aber auch sinnvoll sein, nicht einzugreifen. Denn die spätblühende Traubenkirsche kann auch Vorteile mit sich bringen. Sie bietet unter anderem Nahrung für Vögel und andere Tiere und kann mit ihrer dichten Vegetation auch Schutz und Lebensraum schaffen.

Wusstest Du schon…?
Das Holz der spätblühenden Traubenkirsch hat einen rot-bräunlichen Kern und wird deshalb gerne zum Drechseln und teilweise auch als Holz für kleinere Möbelstücke genutzt. Besonders gut lassen sich Bögen damit bauen. Demnach nimmt die Vermarktung stetig zu. 

Auf der linken Seite könnt Ihr einmal den schönen, gut erkennbaren rot-bräunlichen Kern der spätblühenden Traubenkirsche sehen. Auf der rechten Seite ist die Rinde zu erkennen.

Chance statt Problem  

Die Spätblühende Traubenkirsche hat auch viele Vorteile. Gerade der Klimawandel verändert den Blick auf die Baumart. Was heute vielerorts als Problem gilt, könnte unter zunehmend trockenen und wärmeren Bedingungen interessante Eigenschaften mitbringen. Ihre hohe genetische Vielfalt in Europa könnte dabei wertvolles Ausgangsmaterial für die Suche nach Bäumen liefern, die sich an die veränderten Klimabedingungen wie beispielsweise die zunehmende Trockenheit und ein abnehmendes Wasserangebot anpassen können. Zudem spielt sie bei den zunehmenden Waldbränden z.B. in Kiefern-Reinbeständen eine wichtige Rolle. Durch den Schatten, den sie unterhalb der Kiefern wirft, kann sie die Gefahr für Waldbrände reduzieren, da so vor allem der Oberboden länger feucht bleibt und nicht so schnell austrocknet. Zudem kann ihre Laubstreu vor allem in Nadelholzwäldern dazu beitragen, die Humusauflage zu verbessern und den Boden mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Für diese Verbesserung des Bodens wird sie in forstlichen Kreisen sehr geschätzt.

Und auch im Tierreich findet die späte Traubenkirsche zahlreiche Abnehmer: Ihre Blüten locken Insekten an und ihre Früchte bieten Vögeln und Säugetieren Nahrung. Mehr als 60 Vogelarten nutzen ihre dunklen Beeren als Nahrungsquelle. Im Vergleich zur Gewöhnlichen Traubenkirsche bietet die Spätblühende Traubenkirsche auch Lebensraum für seltene Arten, darunter der Segelfalter. Das heißt, zum einen verdrängt sie heimische Baumarten und minimiert so die Baumartenvielfalt, zum anderen trägt sie zur Erhaltung der Biodiversität bei. 

Die Spätblühende Traubenkirsche zeigt damit einmal mehr, dass die Natur selten nur Schwarz und Weiß kennt: Was an einem Standort zum Problem werden kann, kann an anderer Stelle wertvolle ökologische Funktionen erfüllen. Demnach zählt bei der spätblühenden Traubenkirsche nicht immer die Frage „Wie werden wir sie los?“ – sondern vielmehr: „Wo müssen wir sie eindämmen und wo bringt sie Vorteile?“.

Quellen:

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/kurzportrait-spaetbluehende-traubenkirsche

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/empfehlungen-zum-waldbaulichen-umgang-mit-der-spaetbluehenden-traubenkirsche

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/management-der-spaetbluehenden-traubenkirsche-eine-kontroverse

https://botanikus.de/informatives/beeren-und-fruechte-giftig-oder-ungiftig/alle-farben/trauben-kirsche-traubenkirsche

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https://neobiota.naturschutzinformationen.nrw.de/neobiota/de/arten/pflanzen/148392/kurzbeschreibung

Starfinger, U., 2017. Zum Umgang mit der Spätblühenden Traubenkirsche. Allg. Forst Jagdztg. 9/2017, 36–37.

Vor, T., Spellmann, H., Bolte, A., Ammer, C. (Eds.), 2015. Potenziale und Risiken eingeführter Baumarten: Baumartenportraits mit naturschtuzfachlicher Bewertung, Göttinger Forstwissenschaften. Univ.-Verl. Göttingen, Göttingen.