Ihr wart bestimmt alle schon mal im Wald spazieren, oder? Dann habt Ihr dort vielleicht einen Abstecher ins nahegelegene Auenland gemacht. Moment, nein, Quatsch mit Soße! Aber Ihr könntet tatsächlich schon einmal eine heute selten gewordene und besonders schützenswerte Waldgesellschaft gesehen haben. In solchen Waldstrukturen gelten oft andere Bewirtschaftungsmaßnahmen als bei einem klassischen Forstrevier. Welche das im Auwald sind und wie man damit umgehen kann, das wollen wir Euch heute näher bringen.  

Heute geht es um Auwälder in Naturwaldreservaten. Was dort so anders ist, erfahrt Ihr in diesem Artikel. Dafür nehmen wir Euch mit in das Forstamt Pfälzer Rheinauen und dort in eines der 60 Naturwaldreservate von Landesforsten Rheinland-Pfalz. Genauer gesagt geht es mit dem örtlich zuständigen Revierförster Jürgen Render und Layla Gauly, Produktleiterin Waldnaturschutz Region Süd, in das Revier Modenbach. Zwischen Eschen, Ulmen und Eichen gibt es hier einiges zu sehen und ebenso zu koordinieren. Mit all seinen Herausforderungen heißen wir Euch herzlich willkommen in der Schönheit und Vielfalt der Rheinauen. 

Der Auwald entwickelt sich wenig beeinflusst durch den Menschen. Wir müssen also abwarten, wie die Natur hier mit dem Klimawandel umgehen wird.

Was macht einen Auwald aus? 

Ein Auwald liegt immer in Flussnähe. Seine Besonderheit ist, dass er regelmäßig überschwemmt wird. Hier meist 1-2 mal im Jahr. Das bedeutet für die Bäume, die in diesem Bereich wachsen, dass sie besonders gut an eine ungewöhnliche Situation angepasst sein müssen: Unterirdisches “Stauwasser” und zugleich oberirdisches Hochwasser. Zur Überschwemmungszeit herrscht im Boden ein Sauerstoffmangel, was normalerweise dazu führt, dass die Wurzeln nicht ausreichend versorgt werden können und absterben. Das Wasser versperrt dem Sauerstoff sozusagen den Weg zu den Wurzeln. Als Baum in Deutschland wird man selten mehrere Wochen oder gar bis zu 300 Tage im Jahr von Wasser überschwemmt. Die Silberweide ist in dieser Disziplin die Königin der Auen. Diese Besonderheiten und noch mehr Pflanzen- und Tierarten, die im Auwald zu finden sind, könnt Ihr in diesem Artikel nachlesen. 

Wusstest Du schon…?
Ein kleiner neuer Flussarm des Rheins fließt heute durch einen Teil des Pfälzer Auenwalds im Naturwaldreservat “Schwarzwald”. Vor rund 30 Jahren stand auch an diesem Ort Wald. Bei einem Hochwasser entwickelte der Rhein hier damals an einem ehemals schmalen Graben solch eine Kraft, dass er einen neuen Seitenarm bildete und in seinem Verlauf seitlich immer wieder Teile des Waldes wegschwemmte. Eine kleine Insel, die heute noch im Wasser zu sehen ist, ist Zeugin, dass an dieser Stelle mehr Wald gestanden haben muss. Wahnsinn, was Wasser für eine Gewalt haben kann! Dieses Beispiel zeigt, wie die Auendynamik die Landschaft ständig verändert: Waldflächen können verschwinden, während an anderer Stelle durch die Ablagerung von Sedimenten neue Flächen entstehen. Sedimente werden durch Wasser oder Wind transportiert und sind lose aufeinander liegende organische Stoffe wie Boden, Schlamm, Kies, Steine, etc., die sich mit der Zeit durch Druck verfestigen und so eine neue Grundlage bereiten.

Wer hat den Auwald hier am Oberrhein verändert? 

Zurück in die Pfalz. Der Rhein begleitet die Menschen schon seit jeher. Aber nicht immer war es ein friedliches Zusammenleben. Seit Menschengedenken gab es entlang des Rheins immer wieder verheerende Hochwasser mit Zerstörungen von Äckern und Dörfern. Auch die Krankheit Malaria, die durch Stechmücken verbreitet wird, war in den sumpfigen Gebieten weit etabliert. Man sagt, dass es im 17. und 18. Jahrhundert “mehr Malariatote als Kriegstote gab”, wie Jürgen Render erzählt. 

Es musste eine Lösung her, wie man solche schwerwiegenden Hochwässer eindämmen kann. Johann Gottfried Tulla war in Baden Leiter des Wasser- und Straßenbaus. Er ließ den bislang in großen Schlingen natürlich mäandrierenden Lauf des Rheins mithilfe von Durchstichen begradigen. Auf deutsch: Früher schlängelte sich der Fluss natürlich durch die Landschaft. Um Überschwemmungen eindämmen zu können, durchstach man diese Schlingen (= Mäander) an ihrer engsten Stelle, sodass das Wasser statt der natürlichen Kurve, direkt geradeaus strömte. Dadurch wurde die Fließgeschwindigkeit leicht erhöht und das Wasser konnte schneller dem Hauptstrom zugeführt werden. Man hat den Fluss anschließend zusätzlich durch seitliche Dämme an seiner Ausbreitung im Hochwasserfall gehindert. 

Was die damalige Flussbegradigung bewirkte

Die ursprünglich versumpften Flächen konnten nun als Äcker für die lebensnotwendige Ernährung der Bevölkerung gewonnen werden, der Fluss war besser beschiffbar und man schützte die Bevölkerung besser vor gefährlichen regelmäßigen Hochwassern. Durch die Trockenlegung wurde auch die Verbreitung von Krankheiten durch Stechmücken reduziert. Auch heute noch müssen in solch flussnahen Gebieten gezielt wirkende biologische Wirkstoffe ausgebracht werden, damit die angrenzenden Bewohner vor übermäßigen Stechmückenplagen geschützt sind. Alle diese Maßnahmen veränderten den angrenzenden Auwald und die Region am Oberrhein bis heute. Wenn Euch Hochwasserschutz im Wald interessiert, dann schaut doch mal hier rein. 

Wusstest Du schon…?
In den Pfälzer Rheinauen gibt es immer wieder merkwürdige Hügel und Gräben. Ihre Herkunft trägt Geschichte mit sich. Sogenannte “Schluten” sind ehemalige Wassergräben, mit denen der Rhein die Landschaft gestaltet hat. Doch auch Schützengräben und Schanzen wurden hier in Kriegszeiten an der ehemaligen deutsch-französischen Frontlinie errichtet und gestalten heute die Natur. Und sowieso hält das ein- bis zweimal im Jahr auftretende Hochwasser die Gegend in Bewegung. Wenn Ihr mehr Interesse an Geschichte im Wald habt, dann guckt doch mal hier vorbei. Auch zu Bodendenkmälern haben wir einen Artikel. Den könnt Ihr hier finden.

Diese kleine Waldinsel ist das Überbleibsel eines größeren Waldstücks, welches vom Rhein mitgerissen wurde.

Viele Interessen auf kleiner Fläche

Im Auwald treffen, wie immer im Wald, viele Interessen aufeinander. Angler:innen und Erholungssuchende waren hier schon immer gerne an den Ufern, die sich durch den Auwald ziehen – auch bevor dieser als Naturwaldreservat ausgezeichnet wurde. In einem Naturwaldreservat wird weder Holz gefällt, noch Holz entnommen. Der Wald soll weitestgehend sich selbst überlassen werden und dient vorrangig der Forschung. Jagd muss allerdings auch stattfinden. Wildschweine fühlen sich zwar in den Auen sauwohl, mit übermäßiger Vermehrung richten sie allerdings auf der wasserabgewandten Seite des Deiches große Schäden in benachbarten Feldern an. Auch im Hinblick auf die drohende Afrikanische Schweinepest (ASP) ist die Jagd dort sehr wichtig. Im Fokus stehen aber immer noch Prozessschutz und die Forschung. Angler:innen, Mountainbiker:innen, Erholungssuchende und Co dürfen das Gebiet nur auf wenigen offiziellen Wegen betreten. Das Verlassen der Wege ist nämlich verboten – ähnlich wie in klassischen Naturschutzgebieten deutschlandweit auch, denn… 

Wieso es für Euch in diesem Auwald schneller gefährlich wird

…..nicht zuletzt ist zu erwähnen, dass dieser Wald als Naturwaldreservat gefährlicher ist als andere, normal bewirtschaftete Wälder. Auenwälder sind sehr dynamisch, mit viel Totholz durch das Eschentriebsterben, die Ahorn-Rußrindenkrankheit oder auch wegen der alten Eichen, brüchigen Weiden und Pappeln. In einem Naturwaldreservat werden tote Äste und Bäume nicht entfernt. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit hier größer ist, dass Euch vor allem bei Sturm ein Ast auf den Kopf fallen kann oder gar ein Baum vor der Nase umkippt – im Naturwaldreservat gilt der Vorrang eben der Natur. Mehr zur sogenannten Verkehrssicherheit in Wäldern, könnt Ihr mehr in diesem Artikel lesen. In anderen voll bewirtschafteten Wäldern werden oft kleine Biotop- oder Habitatbaumgruppen ausgewiesen, um Naturschutz und Forstwirtschaft auf gleicher Fläche zu vereinen. Hier wird also kleinflächig Naturschutz integriert. 

Im Auwald hingegen wird die Natur ganzflächig unter Schutz gestellt. Zum Beispiel wurden im Auwald des Forstamtes Pfälzer Rheinauen, im Staatswald entlang des Rheins, rund 900 Hektar Wald als Naturwaldreservate ausgewiesen und unter Schutz gestellt. In diesen Flächen haben natürliche Prozesse sowie Pflanzen, Tiere und Wasser Vorrang. Doch ganz muss man auf diese besonderen Waldstrukturen nicht verzichten. Ein Besuch auf ausgewiesenen Wegen im Naturwaldreservat ist in jedem Fall möglich und empfehlenswert! Nur besser nicht bei starkem Wind oder Überflutung.

Treibholz erobert den Rhein?

Dieser Damm wird sich auf kurz- oder langfristige Sicht lösen. Das Holz darf nicht in den Hauptfluss mit Schiffsverkehr gelangen.

Eine weitere Herausforderung für eine im Prozessschutz liegende Waldfläche am Wasser ist das Treibholz. Dies hat allerdings nichts mit der Trift bei der historischen Flößerei zu tun. Im Auwald der Rheinauen kommt das Totholz durch die Überschwemmungen als “Treibholz” in Bewegung. Immer wieder lagern sich alte Holzstämme, Äste und Laub im Flussarm an. Denn die Natur schläft nie und so kann es nach einem langen Regentag, einem umgefallenem Baum oder einer weiteren unterspülten Uferkante eine Veränderung in der Natur geben.

Es kann passieren, dass sich festgesetztes Treibholz löst und den Flussarm weiter hinabtreibt. Das Treibholz sollte allerdings nicht in den Hauptstrom gelangen, denn hier beginnt der Schiffsverkehr. “Bereits ab geringen Durchmessern können Stämme und Äste eine Gefahr für die Schifffahrt darstellen”, erklären Jürgen Render und Layla Gauly. Wie die Lösung ausschaut? Das wird sich noch herausstellen. Den Flussarm 24/7 beobachten, um loses Treibholz herauszusuchen, wird wohl kaum möglich sein. Drohnen könnten diese Überwachung vielleicht übernehmen. Oder man setzt ein großes Gitter ans Ende des Flussarms, um das Holz aufzufangen? Doch bei Überschwemmung würde auch dieses zu tief liegen. Offene Fragen und Zuständigkeiten, die es zu klären gilt. Doch genau “dieser ständige Wandel macht die Aufgaben und Herausforderungen im Auwald so vielfältig und interessant”, beschreiben Jürgen Render und Layla Gauly. 

Wie sieht der Wald in 100 Jahren aus?

Eine Frage, die sich Förster:innen ständig stellen und dementsprechend den Wald bewirtschaften. Und genauso ist diese Frage auch in den Pfälzer Rheinauen präsent. Denn eines ist klar: Auch hier wird der Klimawandel keinen Halt machen. Und die Esche ist bereits an vielen Orten durch das Eschentriebsterben stark reduziert worden. Auch die Ulme gibt es in Deutschland nur noch selten, da auch sie Opfer eines eingeschleppten Pilzes geworden ist. Häufiger auftretende Trockenheit und invasive Arten, also Arten, die einheimische Arten verdrängen, machen auch vor dem Auwald nicht halt.

Diese Esche ist am Absterben, was man an ihrer lichten Krone erkennen kann. Sie ist eigentlich Spezialistin im Auwald. In Zukunft wird sie von der Natur durch andere Baumarten ersetzt werden.

Doch gibt es Hoffnung in anderen Baumarten wie der Eiche, dem Feldahorn und womöglich der Schwarznuss? Diese Baumarten können zumindest gut mit einem wärmeren Klima umgehen und bilden eine kräftige Pfahlwurzel bzw. der Feldahorn ein großes Herzwurzelsystem aus. Damit erreichen sie tiefere Wasserschichten und können sich stabiler in der Erde verankern. Doch welche Kombination aus Wurzelsystem, Hitze- und Überschwemmungsverträglichkeit und natürliches Verbreitungsgebiet der Baumart es am Ende machen wird, kann keiner so genau vorhersagen. Jürgen Render rät: “Der Natur vertrauen.” 

Warum nicht einfach neue, klimaresilientere Baumarten nachpflanzen?

Ganz einfach! Weil das dem Grundsatz eines Naturwaldreservats widerspricht. Die Natur wird hier in Ruhe gelassen. Das betrifft sowohl die Holzentnahme, als auch das Einbringen neuer Arten. Die Forschung beobachtet, welche Arten sich neu ansiedeln und welche mit der Zeit verschwinden – ohne Einwirken des Menschen. Naturwaldreservate bieten damit die Möglichkeit, die natürliche bzw. ungelenkte Entwicklung von Wäldern zu beobachten und besser zu verstehen. Und letztlich die Erkenntnisse daraus wieder in die Gestaltung der bewirtschafteten Wälder künftig einfließen zu lassen.

Im Großen und Ganzen

Rückblickend wurde der Auwald immer wieder sowohl von Mensch, als auch von Natur verändert. Johann Gottfried Tulla begradigte im 19. Jahrhundert den Rhein und sorgte damit für bessere Lebensumstände der angrenzenden Gemeinden. Anschließende, weitere Begradigungen an seinen vielen Zuflüssen, oft im Zuge von Flurbereinigungsverfahren, sorgen heute allerdings für Diskussion, da durch sie das Wasser erheblich schneller fließt und damit in der heutigen Zeit Hochwasser fördert. Das Ziel ist heute nicht mehr die Entwässerung, sondern Wasserrückhalt zu fördern. Der Rhein, viele verschiedene Interessen und natürlich der Klimawandel halten die Revierleiter:innen vor Ort auf Trab. Doch gerade weil niemand weiß, wie sich der Wald entwickeln wird, bleibt das Naturwaldreservat Auwald spannend. Vielleicht macht Euch das ja auch neugierig auf das, was kommt!

Quellen:

Exkursion im Fach ,,Waldbaugrundlagen” bei Prof. Dr. Steffi Heinrichs; Vortrag und Führung von Jürgen Render und Layla Gauly (Landesforsten Rheinland-Pfalz)

Dr. Karl-Heinz Debacher: Vater Rhein – Ein anstrengender Nachbar. Online verfügbar unter https://www.naturzentrum-rheinauen.eu/natur/taubergiessen/geschichte, zuletzt geprüft am 07.06.2026.

Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau, Umwelt und Forsten (Hg.): Naturwaldreservate. Online verfügbar unter https://www.wald.rlp.de/bewahren/naturschutz-im-wald/naturwaldreservate, zuletzt geprüft am 07.06.2026.

Rüdiger, M.; Jochen, S.: Stromregulierung des Oberrheins. Online verfügbar unter https://archiv.nationalatlas.de/wp-content/art_pdf/Band2_92-93_archiv.pdf, zuletzt geprüft am 07.06.2024.

Steffi, O.; Matthias von Hellfeld (2024): Als der Rhein über die Ufer stürzte. Hg. v. Deutschlandfunk Nova. Online verfügbar unter https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/jahrtausendhochwasser-als-der-rhein-ueber-die-ufer-stuerzte, zuletzt geprüft am 07.06.2026.

Wolfgang Falk, Tobias Mette, Marc Kühnbach, Markus Engel, Lisa Kaule (2023): Zukunftsfähig? 27 seltene und alternative Baumarten unter der Lupe. Hg. v. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Online verfügbar unter https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/forstliche-planung/seltene-und-alternative-baumarten-unter-der-lupe, zuletzt geprüft am 07.06.2026.

https://www.kabsev.de/ , Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V., zuletzt geprüft am 14.07.2026

https://www.buergerundstaat.de/2_00/rhein.pdf#page=10 , Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg Seite 1-16, zuletzt geprüft am 17.07.2026