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Vertragsnaturschutz – Geld fürs Nichtstun?

Alte Bäume mit Höhlen, abgebrochenen Ästen oder Rissen sehen nicht nur ästhetisch aus. In einigen Artikeln haben wir Euch bereits erklärt, dass es verschiedenste Strukturen gibt, die in einem Wald aus naturschutzfachlicher Sicht sehr bedeutsam sind. Sie können beispielsweise eine Nahrungsgrundlage oder Lebensraum für unzählige Arten sein. Damit führen sie zu einer erhöhten Biodiversität und helfen außerdem selten gewordene Tiere oder Pflanzen zu erhalten. In Deutschland gibt es unter anderem Nationalparks, in denen sich solche Strukturen wieder ohne menschlichen Einfluss entwickeln sollen. Doch wie sieht es eigentlich in bewirtschafteten Wäldern aus? Gibt es dort auch Möglichkeiten, naturschutzfachliche Ziele voran zu bringen? Und können sich Waldbesitzer:innen das überhaupt leisten? Eine Möglichkeit stellt zum Beispiel der Vertragsnaturschutz dar. Was das überhaupt bedeutet und welche Umsetzungsmöglichkeiten es hierbei gibt, erfahrt Ihr in diesem Artikel.

Was ist überhaupt Vertragsnaturschutz?

Den sogenannten Vertragsnaturschutz gibt es schon lange in Deutschland. Eventuell ist  Euch dieser Begriff bereits aus der Landwirtschaft bekannt. Nun ist der Vertragsnaturschutz seit einigen Jahren auch in der Forstwirtschaft bedeutsamer geworden. Doch was bedeutet das eigentlich? 

Es handelt sich dabei um Verträge, die Waldbesitzer:innen für einen bestimmten Zeitraum eingehen können. Teilweise handelt es sich dabei um fünf Jahre, aber auch längere Zeiträume bis zu zwölf oder mehr Jahren sind möglich. Es gibt auch Verträge, die ein ganzes Baumleben halten sollen. Für diesen Zeitraum verpflichten sich die Vertragspartner für eine bestimmte Bewirtschaftungsweise, die auf naturschutzfachliche Ziele ausgerichtet ist. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass die Waldbesitzer:innen einige Bäume auswählen, die man als Biotopbäume ausweist. Aus diesen Bäumen entsteht kein Brett oder Stuhl, sondern sie verbleiben als Lebensraum für bestimmte Arten im Wald. Wenn Ihr Euch nochmal genauer zum Thema Totholz oder Mikrohabitate informieren wollt, schaut auch gerne in unseren Artikeln dazu vorbei. 

Wie kommen Waldbesitzer:innen trotzdem an Geld?

Eine andere Möglichkeit könnte aber auch sein, eine ganze Fläche des Waldes nicht mehr zu bewirtschaften und einfach sich selbst zu überlassen. 
Da Waldbesitzer:innen dadurch teilweise kein Geld mehr mit dem Holz verdienen oder auch ein Mehraufwand für die Umsetzung solcher Maßnahmen entsteht, bekommen sie eine Gegenleistung in Form von Geld. Durch die Honorierung der naturschutzfachlichen Maßnahmen soll ein Anreiz geschaffen werden, denn natürlich spielt die Ökonomie vor allem bei Wald in privater Hand eine große Rolle.

Der Zunderschwamm besiedelt gerne geschwächte Laubbäume, vor allem Buchen und Birken. Der Pilz sorgt für die weitere Zersetzung des schon liegenden Stammes. In einigen Jahrzehnten wird aus diesem Buchenstamm also wieder neuer Humus werden.

Die Finanzierung erfolgt dabei aus unterschiedlichen Töpfen. Teilweise handelt es sich um EU-Mittel oder, wie in Bayern, um eine Förderrichtlinie des Landes. In Hessen gibt es die Stiftung “Natura 2000”, aus welcher sich die Maßnahmen finanzieren. Der Betrag variiert je nach Maßnahme und wird entweder einmalig auch jährlich ausgezahlt. Außerdem unterscheiden sich in den jeweiligen Bundesländern die Maßnahmen, die förderfähig sind, sowie die dafür vorgesehenen Honorierungen.

Wusstest Du schon…?
Im Vergleich zu anderen Bundesländern setzt Bayern den Vertragsnaturschutz am häufigsten um. Wieso ist das so? Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass in Bayern ein großer Teil (57%) der Waldfläche in privater Hand liegt. 

Wieso braucht man das überhaupt im Wald?

Wieso brauchen wir Vertragsnaturschutz im Wald? Die Forstwirtschaft an sich ist doch schon relativ umweltschonend? Beispielsweise gibt es kaum Düngung oder den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Auch der Zeitraum, in dem man produziert, ist im Vergleich zur Landwirtschaft (Kartoffel) deutlich länger (Buche). In der naturnahen Forstwirtschaft gibt es sogar ein Verbot von Kahlschlägen. 

Wie schon erwähnt, gibt es in Deutschland bestimmte Gebiete in denen man die Natur wieder sich selbst überlässt. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die Nationalparks. Hier sollen Bäume alt und schließlich zu Totholz werden können. Dieses bietet Tieren, Pflanzen und Pilzen einen wichtigen Lebensraum. Einige Arten sind sogar explizit auf Totholz angewiesen. Teilweise sogar auf bestimmte Baumarten, ein bestimmtes Alter, Größe und Zersetzungsgrades des Holzes. Vor allem diese Arten sind deshalb selten geworden, denn Totholz ist in bewirtschafteten Wäldern eher unterrepräsentiert. 

Wusstest Du schon…?
In Deutschland haben wir in bewirtschafteten Wäldern ca. 20,6 m³ Totholz je Hektar.

Vertragsnaturschutz fördert historische Nutzungsformen von Wäldern

Auch historische Nutzungsformen wie zum Beispiel Nieder- oder Hutewälder will man durch den Vertragsnaturschutz fördern und erhalten. Vor allem in Süddeutschland haben diese Formen der Bewirtschaftung einst eine wichtige Rolle gespielt. Durch den Rückgang dieser Nutzungsformen sind auch bestimmte Arten selten geworden und gelten heute als gefährdet. Viele Studien konnten das bestätigen. Insgesamt kamen Forscher:innen zu dem Ergebnis, dass die Forstwirtschaft trotz umweltschonender Nutzung zur Abnahme der Artenvielfalt beiträgt und einen Verlust von Arten verursacht. Dem muss man natürlich entgegen wirken. Also hat man sich überlegt wie man auch außerhalb von Naturschutzgebieten den Naturschutz weiter voran bringen kann. Innerhalb von bewirtschafteten Wäldern spricht man dabei von integrativem Naturschutz. Um diesen auch für Privatwaldbesitzer:innen reizvoll zu machen, hat man den Vertragsnaturschutz eingeführt.

Mal angenommen wir wären ein:e Waldbesitzer:in

Sagen wir mal wir wären ein:e Waldbesitzer:in in Bayern. Dort gibt es das sogenannte Vertragsnaturschutzprogramm. Das Land hat dieses Förderprogramm im Jahr 2005 eingeführt und finanziert es. Als Waldbesitzer:in könnte ich nun beim Amt und dort bei der zuständigen Förster:in einen Antrag auf eine bestimmte Maßnahme im Rahmen diesen Programms stellen. Im Internet finde ich als Waldbesitzer:in zuvor schon eine Übersicht über mögliche Maßnahmen. Als Beispiel möchte ich mir einige Bäume als Biotopbäume ausweisen lassen. Hierfür erhält man je nach Art und Alter der Bäume eine einmalige Summe von 125 bis 160 Euro je Baum. Diese Bäume dürften wir dann für einen Zeitraum von 12 Jahren nicht mehr nutzen.

Dieser Baum ist abgestorben und bereits in der Phase der Zersetzung. Damit bietet er unzähligen Lebewesen Nahrung und einen Lebensraum. Leider ist Totholz im Wirtschaftswald immer noch unterrepräsentiert. Durch den Vertragsnaturschutz erhalten Waldbesitzer:innen einen finanziellen Ausgleich, wenn sie solche Alt- und Habitatbäume stehen lassen und damit ihrem natürlichen Alterungsprozess überlassen.

Ist Vertragsnaturschutz ein Erfolgsmodell?

In Bayern nutzten 1.900 Betriebe das Vertragsnaturschutzprogramm im Jahr 2020 und bekamen dafür insgesamt 8,4 Mio. Euro. Damit ist Bayern ein Paradebeispiel für den Vertragsnaturschutz, steht jedoch auch ziemlich alleine da. Für viele andere Bundesländer bleiben diese Zahlen weiterhin nur wünschenswert. Je nach Bundesland kann es für Privatwaldbesitzer:innen deutlich schwieriger sein, Vertragsnaturschutz wahrzunehmen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es momentan nur einen sogenannten Erschwernisausgleich, wenn die Waldflächen der Privatperson ausgewiesene FFH-Flächen sind. Also besonders naturschutzfachlich bedeutsame durch die EU ausgewiesene Flächen. Gebiete, die bisher keinen besonders naturschutzfachlichen Wert hatten, bleiben weiterhin auf dem bestehenden Level, denn Maßnahmen sind hier nicht förderfähig. Ganz schön unflexibel? Das finden die Waldbesitzer:innen leider auch…

Chancen für die Zukunft

Auch wenn der Vertragsnaturschutz im Wald bisher noch eine untergeordnete Rolle in Deutschland spielt, stellt er ein wichtiges Förderinstrument dar, um naturschutzfachliche Ziele auch in bewirtschafteten Wäldern zu verwirklichen. Dass es wichtig ist, diese Ziele umzusetzen, steht außer Frage. Wichtig ist, dass man den Vertragsnaturschutz für Waldbesitzer:innen durch eine faire Honorierung und einfache Abwicklung noch reizvoller macht!

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