Die Zerschneidung der Wälder

Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichte innerhalb Europas. Viele Menschen benötigen viel Platz. Wohnraum, Städte und die dazugehörende Infrastruktur prägen unser heutiges Landschaftsbild. Als Folge zerschneiden Straßen, Felder und Städte die einst geschlossen zusammenhängenden Wälder. Viele Wildtiere und Insekten sind jedoch auf große zusammenhängende Waldgebiete angewiesen. Schneiden Straßen die Streifgebiete von Wildtieren, kommt es häufig zu Wildunfällen. Unüberwindbare Zerschneidungen der Wälder führen zu genetischer Verarmung bei den Tieren. Doch was bedeutet das überhaupt? In diesem Artikel soll es um die Hintergründe und vor allem die Auswirkungen der Zerschneidung von Wäldern gehen. Wir wollen Euch aber auch Lösungsansätze vorstellen.

Ist Deutschlands Wald nur noch ein Puzzle?

Unter Zerschneidung der Landschaft versteht man alles, das einen sonst zusammenhängenden Lebensraum zerteilt, verkleinert oder die Teilstücke voneinander isoliert. Oftmals wird dabei auch von einer sogenannten Fragmentierung gesprochen. Der ehemals große zusammenhängende Lebensraum ist dann zerschnitten. 

Zäune und Straßen zerschneiden Lebensräume und haben damit empfindlich Auswirkungen auf das Ökosystem.

Der Wald als Ökosystem ist ein riesiges Konstrukt, das wir häufig gar nicht überblicken können. Laufen wir durch den Wald, so sehen wir meist nur einen Käfer, ein Reh oder eine spezielle Pflanze. Diese Individuen sind allerdings Teil einer Gemeinschaft und einer Population. Sie sind darauf angewiesen, sich auszutauschen und sich zu bewegen. Manche Lebewesen bleiben ihr Leben lang mehr oder weniger an einem Ort. Andere wandern teils kilometerweit, um an ihre Geburtsstätte zurückzukommen, um Nachwuchs zu bekommen oder weil sie neue Reviere erkunden und besetzen wollen.

Wusstest Du schon…?
Jedes Jahr werden in Deutschland ca. 10.000 Kilometer neue Straßen in Deutschland gebaut. Der Trend der Lebensraumfragmentierung hält also weiter an. Die Teilrodung des Danneröder Forstes zum Ausbau der A49 ist ein prominentes Beispiel hierfür.

Auswirkungen auf Groß und Klein

Für Vögel sind Straßen, Kanäle und Städte wenig problematisch zu überwinden. Besonders gefährdet sind aber langsame Tiere. Ein Beispiel, das jede:r kennt, ist die Krötenwanderung. Auf dem Weg zu ihrem Laichort legen die Kriechtiere weite Strecken zurück. Dabei müssen sie häufig Straßen überqueren. Da sie lange brauchen um diese hinter sich zulassen, ist die Gefahr groß, dass sie überfahren werden. Das kann empfindliche Auswirkungen auf die Tierbestände haben.

Können Straßen nicht überquert werden, hat das Auswirkungen auf den Genpool der Tiere.

Ein weiteres Beispiel ist der Luchs. Luchse haben Streifgebiete von bis zu 400 Quadratkilometern. Eine Fläche die halb so groß wie Hamburg ist. Bekannte Luchsvorkommen sind der Bayerische Wald, der Pfälzerwald und der Harz. Hier findet er große zusammenhängende Wälder. Doch auch diese sind mit Straßen zerschnitten. Immer wieder wenn ein Luchs Straßen auf seinen Streifzügen überquert, läuft er Gefahr vom Auto erfasst zu werden. Dies ist in Deutschland der häufigste Grund für seinen Tod. 

Wusstest Du schon…?
In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 250.000 Wildtiere bei dem Versuch Straßen zu überqueren. 

Genetische Verarmung und Artenschwund

Nicht nur das Überfahren der Tiere stellt eine Gefahr dar. Können sich Lebewesen mit weniger Individuen ihrer Art verpaaren, wird der Genpool nicht aufgefrischt. Es kommt zur Inzucht. Durch Inzucht über mehrere Generationen können Krankheiten häufiger auftreten. Ein bekanntes Beispiel beim Menschen ist das Adelsgeschlecht der Habsburger. Die häufige Fortpflanzung innerhalb des Adelsgeschlechtes führte zu dem typischen Aussehen der Habsburger. Vorstehendes Kinn und Unterlippe und heruntergezogene Nase. Viel relevanter waren aber auftretende Erbkrankheit die zu Unfruchtbarkeit und erhöhter Sterblichkeit führten. Solche Erbkrankheiten breiten sich natürlich nicht nur bei Menschen sondern auch bei Tieren und anderen Lebewesen aus. Es kann zum Aussterben einer Population kommen, wenn diese Krankheiten dominieren. 

Wusstest Du schon…?
Einen ebenfalls großen Einfluss haben landwirtschaftliche Flächen. Sie machen etwa 50% der Fläche in Deutschland aus. Sie stellen zwar keine unüberwindbaren Hindernisse dar, doch sie verlängern die Wege zwischen den Lebensräumen und bieten dabei kaum Schutz.

Brücken schlagen als Problemlösung?

Von außen kaum zu erkennen. Auf dieser Wildbrücke können unzählige Arten die Lebensräume wechseln.

Um den Trend der Zerschneidung der Landschaft aufzuhalten oder zumindest abzumildern gibt es unterschiedliche Methoden. Sehr bekannt sind Wildbrücken. Diese Grünbrücken verbinden häufig zwei Waldstücke über eine Straße hinweg. So können auch flugunfähige und langsame Tiere das Hindernis überwinden. Mit Hilfe von Grünbrücken kann also eine Vernetzung der Wälder stattfinden. Das ist natürlich nicht ganz billig und kostet laut ADAC rund 3 Millionen Euro.

Für die oben genannte Krötenwanderung gibt es ebenfalls Lösungsversuche. Es werden entweder Tunnel gegraben oder Schutzzäune aufgebaut. Mit Hilfe der Schutzzäune können die Kriechtiere vor dem Überqueren in Eimern gefangen und sicher über die Straße getragen werden.

Auf dieser Wildbrücke ist kaum zu erkennen, dass unten drunter täglich tausende Autos die Straße queren.

Werden Deutschlands Puzzleteile immer kleiner?

Mit derzeit 107 Grünbrücken ist Deutschland immer noch etwas dürftig aufgestellt und die Vernetzung der Lebensräume scheint nur auf dem Papier zu geschehen. Nicht nur der Wald wird in Deutschland stark durch den Menschen beeinflusst. Auch Wasserläufe beinhalten mittlerweile unüberwindbare Hindernisse wie Wasserwerke und Turbinen. Wir Menschen tun also unser bestes, den noch vorhandenen Lebensraum von Wildtieren zu verkleinern und zu fragmentieren. Weitere Lösungsansätze gegen die Zerschneidung müssen also her. Was meint Ihr? Können wir eine weitere Ausbreitung unserer menschlichen Infrastruktur überhaupt noch aufhalten? Wird diesem Thema schon genug Gehör geschenkt? Vielleicht kennt Ihr bereits tolle Projekte oder Maßnahmen, die der Fragmentierung entgegen wirken. Wir sind gespannt auf einen Austausch mit Euch!

Quellen:

 ADAC: Grüne Brücken für Bambi und Co. ADAC Motorwelt. Heft 4, 2008. B2706E. S. 76 f.

Frantz et al. (2021): Comparative landscape genetic analyses show a Belgian motorway to be a gene flow barrier for red deer (Cervus elaphus), but not wild boars (Sus scrofa). Molecular Ecology, 21: 3445–3457

Roth, M. et al. : Ökologische und evolutionsbiologische Wirkungen der Segmentierung in Landschaften und der Zerschneidung in Habitaten:

https://www.researchgate.net/profile/Reinhard-Klenke/publication/235353858_Okologische_und_evolutionsbiologische_Wirkungen_der_Segmentierung_in_Landschaften_und_der_Zerschneidung_in_Habitaten/links/00b495153325c25aee000000/Oekologische-und-evolutionsbiologische-Wirkungen-der-Segmentierung-in-Landschaften-und-der-Zerschneidung-in-Habitaten.pdf

https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/struktur-der-flaechennutzung#die-wichtigsten-flachennutzungen

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