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Einen Baum pflanzen ist nicht genug

Noch nie war es so wichtig, der Natur ein wenig unter die Arme zu greifen, wie zur heutigen Zeit. Die in Deutschland entstandenen Freiflächen und geschädigten Wälder sollen wieder bewaldet werden. Wir müssen auf einen Großteil davon klimastabile Baumarten pflanzen. Unzählige Unternehmen und Vereine unterstützen diese gewaltige Aufgabe mit Spendengeldern oder rufen zu Pflanzaktionen auf. Bei denen kann jede:r Einzelne mithelfen und anpacken. Aber wie geht es danach eigentlich weiter? Kann man die jungen Bäume einfach wachsen lassen, damit sie später ihre vielen verschiedenen Funktionen gut erfüllen können? Ihr ahnt es schon: Ganz so einfach ist es leider nicht. Wie es nach dem Pflanzen weitergeht und welche Aufgaben im Leben eines Baumes auf die Förster:innen zukommen, erfahrt Ihr in diesem Artikel.

Hier wurden Douglasien auf einer Kalamitätsfläche gepflanzt.

Richtige Vorbereitung ist entscheidend

Wie genau so eine Pflanzung richtig durchgeführt wird, zeigen wir Euch in einem Video: Bäume pflanzen für den Wald der Zukunft. Aber bevor die kleinen Bäume in die Erde kommen, muss man erstmal die Entscheidung treffen, welche Baumarten auf diesem Standort gut wachsen können. Und das nicht nur unter den jetzigen Klimabedingungen, sondern auch noch in 100 Jahren. Hier müssen sehr viele Aspekte bedacht werden. Viele davon sind aber nur grob einschätzbar, denn niemand weiß heutzutage mit absoluter Sicherheit wie sich unser Klima entwickeln wird. Näheres dazu findet Ihr im Artikel Wald der Zukunft.

Die ersten Jahre nach dem Pflanzen

Wenn man sich bei der Baumartenwahl zum Beispiel für die Eiche entschieden und sie auch gepflanzt hat, dann lässt man sie erstmal einfach wachsen. In dieser Zeit liegt der besondere Fokus auf dem Schutz der Bäumchen vor tierischen Schäden, vor allem durch das Rehwild. In unserer Artikelreihe Wieso wir jagen müssen erfahrt Ihr, was damit gemeint ist. Aber auch abiotische Faktoren, wie Spätfrost und starke Sonneneinstrahlung, müssen bedacht werden. Und nicht zuletzt ist die Konkurrenz auf großen Freiflächen durch schnell wachsende Pionierbaumarten wie Birke und Erle, aber auch durch Sträucher wie Brombeere, extrem hoch.

Förster:innen schützen die frisch gepflanzten Bäumchen

Junge Bäume müssen vor dem Verbiss durch Rehe und andere Wildtiere geschützt werden.

Förster:innen müssen die gepflanzten Bäumchen gut schützen, denn die ganze Arbeit soll ja nicht umsonst gewesen sein. Bei den noch sehr kleinen Pflanzen reicht nämlich auch schon eine sehr kleine Verletzung oder Witterungsänderung, um erhebliche Schäden hervorzurufen. Ältere Bäume können da schon etwas mehr wegstecken. Solche Schutzmaßnahmen können beispielsweise die Umzäunung der bepflanzten Fläche, der Schutz von einzelnen Bäumen oder auch scharfe Bejagung an dieser Fläche sein. Jede Maßnahme hat verschiedene Vor- und Nachteile, welche die Förster:innen gut abwägen müssen.

Die Bäume werden groß…

Dieser kleine Schlawiner kann zu einer Gefahr für neu gepflanzte Bäume werden.

Die Pflanzaktion gilt als gesichert, wenn die Bäume so groß geworden sind, dass Rehe nicht mehr den Terminaltrieb, also den obersten und wichtigsten Teil der Pflanzen, verbeißen können. Die sensibelste Phase des Baumlebens ist damit überstanden und es kann erstmal durchgeatmet werden. Wie Ihr wisst, werden mehrere tausend Bäume gepflanzt, um überhaupt die Chance zu haben, dass wertvolle und gesunde Bäume heranwachsen können. In den ersten Jahrzehnten ist es nämlich sehr wichtig, dass die Bäume nur ganz wenig Platz haben und gegenseitig konkurrieren. Das unterstützt die Bildung von wertvollem Holz, da sich im unteren Teil des Stammes so weniger Äste bilden und die Bäumchen in die Höhe sprießen. Nach mehreren Jahrzehnten sind die kleinen Eichen jedoch so groß geworden, dass nicht mehr genug Licht für alle zur Verfügung steht.

…aber irgendwann müssen die Förster:innen wieder ran

Ab dieser Lebensphase sollen die Bäume nun eine große Krone ausbilden können, damit sie optimal wachsen können. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Förster:innen wieder tätig werden müssen. Jetzt werden nämlich besonders gesunde und gut gewachsene Eichen ausgewählt und markiert. Diese so genannten Zukunftsbäume werden von nun an gezielt gefördert. Bei einer Durchforstung werden andere Bäume, die unseren Zukunftsbäumen zu viel Platz und Licht wegnehmen, aus dem Bestand genommen. Anschließend können die Eichen gut weiter wachsen. In unserem Artikel Bäume fällen für mehr Artenvielfalt erfahrt Ihr mehr dazu. In einem Intervall von mehreren Jahren werden immer wieder einzelne so genannte Bedränger von unseren Zukunftseichen entnommen.

Moment mal…

Haben wir nicht irgendwas vergessen? Wenn Ihr aufmerksam gewesen seid, habt Ihr es bestimmt schon gemerkt. Wieso sprechen wir hier eigentlich nur von Eichen? Wollen wir nicht möglichst viele verschiedene Baumarten in den Wald bringen, um unser Risiko zu minimieren? Genau so ist es auch! Es kommt aber nicht nur auf eine ordentliche Mischung an, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt der Mischung.

Die Lichtbaumart Eiche kann gut auf Freiflächen wachsen.

Die Eichen sind als sogenannte Lichtbaumart hervorragend geeignet, um auf einer Freifläche gepflanzt zu werden. Weitere Lichtbaumarten sind beispielsweise Lärche und Kiefer. Um die Eichen aber mit anderen Baumarten mischen zu können, muss man wissen, wie schnell die verschiedenen Baumarten wachsen. Lichtbaumarten wachsen in ihrer Jugend relativ schnell. Aber sie werden nach wenigen Jahrzehnten von Schattbaumarten überwachsen, wenn sie zeitgleich gepflanzt werden. Beispiele für die Schattbaumarten sind Tanne und Buche. Für die Lichtbaumart Eiche würde dies zum Absterben des Baumes führen. Deshalb gibt man den Eichen einen Vorsprung, um ihr Überleben im höheren Alter zu sichern.

Im hohen Alter

Mehrere Generationen von Förster:innen später sind die Zukunftsbäume nun ausgewachsen und können einzeln geerntet werden. Die Ernte ist nicht nur dafür wichtig, damit wir das Holz verwenden können. Besonders für die Eiche als Lichtbaumart müssen immer wieder kleine Löcher im Kronendach entstehen, damit junge Bäume wachsen können. Andernfalls würde es keine neue Generation von Eichen geben und die Schattbaumarten würden die Vorherrschaft übernehmen. Diese Bäume können nämlich auch unter dem dichten Kronendach wachsen. Wenn beispielsweise die sehr konkurrenzstarke Buche vorhanden ist, wird sie ohne waldbauliche Eingriffe langfristig die meisten anderen Arten verdrängen.

Buchen wachsen gut im Schatten älterer Bäume.

Warum die ganze Arbeit nach dem Pflanzen?

Eigentlich könnte man auf so einer Freifläche doch auch einfach abwarten, was da wachsen wird. Und diese Bäume müssten auch eigentlich auf diesem Standort gut passen, oder? Nicht so ganz. Na klar könnte man das machen. Doch es werden nicht unbedingt die Baumarten dort wachsen, die im Rahmen des Klimawandels gut dorthin passen würden. Die ersten Bäume werden Pionierbaumarten wie Birke, Erle oder Weide sein. Durch ihre sehr leichten Samen verbreiten sie sich fast überall und sind an die vorhandenen Bedingungen gut angepasst. Diese kurzlebigen Baumarten sind ökologisch sehr wertvoll. Doch sind diese so genannten Weichhölzer für uns Menschen für viele Sachen nicht verwendbar. Sie enden daher oft als Industrie- und Energieholz.

Außerdem würde genau die Baumart dort nachwachsen, die bereits vor dem Waldsterben dort gewachsen ist. Die Samen der Altbäume befinden sich immer noch im Boden. Jetzt haben sie ausreichend Licht, um zu keimen. Diese bereits heute nicht klimastabile Baumart, häufig handelt es sich um Fichte, würde also ebenfalls wieder wachsen. Und selbst wenn sich die eine oder andere Eiche oder ein Ahorn auf die Fläche verirren sollte, werden diese Bäume ohne Schutzmaßnahmen nicht lange überleben. Denn vor allem das Rehwild hat es auf die besonders seltenen und schmackhaften Knospen abgesehen. 

Hochgewachsene alte Eichen bieten Raum für Verjüngung – durch einen Zaun geschützt.

Zusammengefasst: nach dem Pflanzen geht die Arbeit weiter

Bäume pflanzen ist extrem wichtig, um die großen Freiflächen, die in den letzten Jahren durch den Klimawandel entstanden sind, wieder zu bewalden. Doch damit ist es noch längst nicht getan. Um einen klimastabilen Mischwald wachsen zu lassen, der auch noch für unsere Enkelkinder vorhanden sein wird, bedarf es einer permanenten Pflege. Hierfür berücksichtigen wir viele verschiedene Aspekte. Und trotz unzähliger wissenschaftlicher Studien und Versuchsflächen, gibt es leider kein Pauschalrezept, um dieses Ziel zu erreichen.

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