Der Begriff Biodiversität geistert schon seit einiger Zeit durch die Politik, meistens im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Doch was genau ist Biodiversität eigentlich? Und was hat das mit unserem Wald zu tun? Diese Fragen und noch viele weitere zum Thema Biodiversität werden im folgenden Artikel beantwortet.

Nicht nur Pflanzen machen unseren Wald aus – auch Pilze!

Biodiversität – was steckt dahinter?

Bevor wir uns in das Thema stürzen, wie genau Biodiversität im Wald aussieht, sollten wir erst einmal klären, was dieser Begriff überhaupt bedeutet. Biodiversität besteht aus drei Komponenten.

Genetische Vielfalt

Die genetische Vielfalt könnt Ihr Euch gut an dem Beispiel der Gelbbauchunken vorstellen. In einem Wald gibt es eine Gelbbauchunken Population und die haben zwei Gene, die bestimmen, ob sie eher gräulich oder eher bräunlich gefärbt sind. In einem anderen Wald haben die Gelbbauchunken 6 Gene, die ihre Färbung bestimmen (hier handelt es sich lediglich um ein vereinfachtes Beispiel – Gene sind in Wahrheit viel komplizierter!). Das heißt, dass die zweite Gelbbauchunken Population eine höhere genetische Vielfalt hat, weil bei ihnen insgesamt mehr unterschiedliche Gene vorkommen. Das ist sehr wichtig, weil dadurch hat die zweite Population größere Überlebenschancen. Vielleicht versteht Ihr es besser mit einem Beispiel.

Um bei unseren Gelbbauchunken zu bleiben: Die Gelbbauchunken aus dem ersten Moor (nur zwei Gene) leben in der Nähe einer Waschbärfamilie. Die Waschbären haben sich auf die gräulichen Unken spezialisiert, weil sie diese leichter erkennen und futtern alle auf. Damit ist die Hälfte der Population weg (50 %). Waschbären sind schlau und wenn sie herausfinden, dass es auch bräunliche Unken gibt, ist die restliche Population in Gefahr. In der zweiten Gelbbauchunken Population gibt es viel mehr äußerliche Unterschiede (6 Gene), das heißt, sollten die Waschbären alle Unken einer Färbung ausrotten (1 Gen), gibt es noch ca. 84 % der restlichen Population

Wusstest Du schon…?
Gelbbauchunken sind auf ihrem Rücken langweilig gräulich bis bräunlich gefärbt. Auf ihrem Bauch wird es spannender. Da sind sie (wie der Name schon verrät) gelb gefleckt. Die Bauchfärbung von jeder Gelbbauchunke ist anders, genauso wie der Fingerabdruck eines Menschen. Daran können wir die Gelbbauchunken voneinander unterscheiden. Das Süßeste sind allerdings ihre Pupillen, die sind nämlich herzförmig.

Ein Waschbär hält Ausschau – vielleicht sogar nach Gelbbauchunken!

Eine hohe genetische Vielfalt ist also ausgesprochen wichtig. Eine höhere Vielfalt von Genen erhöht die Möglichkeit, dass mindestens ein Tier Gene hat, die für eine neue Situation notwendig sind. Die genetische Diversität bildet also die Grundlage für Evolution. Dies ist besonders wichtig, wenn wir an das Klima denken. Der Klimawandel bringt Veränderungen mit sich, die Temperaturen steigen und es wird mehr Extremwetterereignisse geben. Für viele Tiere und Pflanzen ist es schwierig, unter diesen Lebensbedingungen zurechtzukommen. Da kann es hilfreich sein, wenn es eine große genetische Vielfalt gibt, sodass evolutionäre Anpassungen möglich sind. Es gibt sogar schon einige wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass einige Tiere heute schon ihr Aussehen verändern, um sich den wandelnden Umweltbedingungen anzupassen.

Mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Rotmilane brüten in Deutschland.

Zur Biodiversität gehört also genetische Vielfalt. Aber es war doch die Rede von drei Komponenten, oder? Genau! Genetische Vielfalt allein langt nämlich nicht. Stellt Euch mal vor, es gäbe nur Buchen und Rotmilane. Selbst wenn die mega diverse Gene haben, macht das noch keinen Wald. Deshalb sind die anderen beiden Komponenten, Artenvielfalt und die Vielfalt der Ökosysteme. 

Artenvielfalt

Artenvielfalt ist eigentlich ziemlich selbsterklärend: Wir wollen möglichst viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Farne, Gräser, Sträucher, Flechten, Pilze und Moose gehören neben Bäumen in einen intakten Wald, genauso wie große und kleine Säugetiere, Greifvögel und Singvögel, ebenso wie alles mögliche an Insekten, Reptilien und Amphibien. Die Liste könnte fast ewig so weitergehen. 

Vielfalt der Ökosysteme

Hinsichtlich der Vielfalt der Ökosysteme werden einige von Euch vielleicht stutzig. Dass es verschiedene Ökosysteme gibt – Meer, Wüste, Wald – ist Euch bestimmt klar, aber Wald ist doch nur ein Ökosystem, oder? Nicht direkt, auch beim “Wald” gibt es Unterschiede. Ein tropischer Regenwald zum Beispiel ist ein ganz anderes Ökosystem als unser europäischer Wald, aber auch Laub-, Nadel- und Mischwälder unterscheiden sich voneinander. Auch innerhalb Deutschlands gibt es unterschiedliche Wald-Arten. Diese nennen wir Waldgesellschaften. Wenn Ihr mehr über das Ökosystem Wald erfahren wollt, schaut Euch doch gerne diesen Artikel an!

Wusstest Du schon…?
Es gibt Waldgesellschaften, die solche poetischen Namen tragen wie Linden-Ahorn-Hang- und Schluchtwälder (Tilio platyphylli-Acerion pseudoplatani) oder Erlen-Ulmen-Hartholzauen (Alno-Ulmion minoris). Wahre Zungenbrecher!

Dieser blühende Bergahorn (Acer pseudoplatanus) bringt mehr Artenvielfalt in den Wald.

Dienste der Natur

Dass es schöner ist, durch einen gesunden, vielfältigen Wald zu spazieren als durch einen eintönigen Wald, da sind wir uns bestimmt alle einig. Ein strukturreicher Wald mit den unterschiedlichsten Arten hilft uns nicht nur bei der Erholung, sondern bietet uns viel mehr. Da fällt mir das ewig lange Stichwort ‘Ökosystemleistungen’ ein. Ökosystemleistungen sind Dinge, die wir zum Überleben brauchen und die uns die unterschiedlichen Ökosysteme kostenlos zur Verfügung stellen.

Unser Wald leistet sehr wichtige Arbeit für uns. Er kann zum Beispiel eine CO2-Senke sein, außerdem nutzen wir das Holz als Baustoff oder als Energiequelle. Wälder produzieren Sauerstoff, filtern Regenwasser und speichern dieses wiederum als Grundwasser. Von den zahlreichen Pflanzen und den Tieren, die dort leben, können wir uns ernähren. In einigen Regionen schützt der Wald uns vor Lawinen. Dass es dem Wald gut geht, ist also dringend notwendig, damit es uns gut geht. Aber wie merken wir, dass es unserem Wald nicht gut geht? Ein Kennzeichen eines gesunden Waldes ist unter anderem die Biodiversität. Wälder mit einer hohen Biodiversität können sich schneller von Störungen erholen bzw. sind weniger stark von ihnen betroffen (Stabilität). Außerdem können sie sich an Veränderungen anpassen (Plastizität). Je mehr (Arten-)Vielfalt es gibt, desto vielfältiger kann der Wald auf Störungen reagieren bzw. sich anpassen.

So sieht ein gesunder Wald aus der auf alles mögliche reagieren kann, weil er auch alles mögliche hat: verschiedene Arten, Bäume mit unterschiedlichem Alter und mal mehr Licht, mal weniger.

Gefährdung der Vielfalt

Es gibt viele Ursachen für die Abnahme an Biodiversität im Wald. Klimawandel setzt unseren Wäldern zu. Aber auch unsere historische Waldnutzung hat dazu beigetragen, dass die Artenvielfalt abgenommen hat (mehr dazu hier!). Das klassische Beispiel ist da natürlich der Borkenkäfer (eigentlich Buchdrucker). Jahrzehntelang wurde die Fichte in einem Reinbestand angepflanzt, was dem Borkenkäfer sehr gut gepasst hat – da sind die Flugdistanzen schön kurz! Im Reinbestand ist die Biodiversität sehr niedrig, der Wald wird nur von wenigen Arten geprägt. Deshalb konnten kaum natürliche Regulatoren die Massenvermehrung eindämmen.

Die Fressfeinde des Buchdruckers (Ips typographus) benötigen nämlich vielfältige und strukturreiche Wälder mit Totholz und Blumen, wie sie in einem Reinbestand nicht zu finden sind. Diese Arten übernehmen sogenannte Schlüsselrollen. Wenn sie fehlen, kann es beispielsweise  zu Massenvermehrungen oder anderen Problemen kommen. Im Fall des Buchdruckers ist das unter anderem  der Ameisenbuntkäfer (Thanasimus formicarius). Am Ende kann der Wald nicht mehr so funktionieren, wie wir es brauchen: Wir kriegen kein gesundes Holz, Waldspaziergänge sind deprimierend und statt CO2 zu speichern, wird der Wald zu einer CO2-Quelle. Deshalb ist Artenvielfalt so wichtig.

Die Überreste des Waldes im Harz nach einer Massenvermehrung des Buchdruckers.

Wusstest Du schon…?
Die Borkenkäfer sind eine Unterfamilie der Rüsselkäfer. Von den Borkenkäfern gibt es ca. 230 Arten. Weitere Unterfamilien sind die Splint- (ca. 160 Arten) und die Bastkäfer (ca. 210 Arten). 

Wir haben mehr Probleme als den Klimawandel

Leider gibt es mehr Probleme als die Klimawandel bedingten Trockenperioden und die Orkane, die unseren Wäldern und somit der biologischen Vielfalt zusetzen. Die Zerschneidung der Landschaft, zum Beispiel durch Straßen, kann für einige Tiere ein unüberwindbares Hindernis sein. Frösche können nicht ihre gewohnten Wanderwege nutzen oder begeben sich beim  Überqueren der Straße in Lebensgefahr, aber auch größere Tiere, wie das Rotwild leiden unter Autobahnen, die ihr Streifgebiet kreuzen. Die Tiere können diese Hindernisse nicht passieren, was dazu führt, dass einige Populationen sich gar nicht mehr miteinander vermischen können. Dadurch gibt es immer mehr Inzucht und die genetische Vielfalt in den Populationen nimmt ab. 

Rotwild ist sehr aufmerksam und vermeidet Störungen so gut es kann.

Weitere Bedrohungen für die Biodiversität sowohl der Fauna als auch der Flora sind Neophyten und Neozoen. So heißen Pflanzen und Tiere, die ursprünglich von woanders herkommen und sich hier wohl fühlen. Weshalb sie problematisch sein können, könnt Ihr hier (Neophyten) oder hier (Neozoen) genauer nachlesen. Kurz gesagt: Es ist schwierig für unsere heimischen Tiere und Pflanzen mit den Neuankömmlingen zu konkurrieren, wenn die neuen Mitbewohner hier keine natürlichen Feinde haben. Diese werden dann teilweise verdrängt oder ausgerottet und die Artenvielfalt nimmt ab.

Zuletzt gibt es da noch das Problem des Wild-Wald-Konfliktes. Das Wild knabbert gerne an den Blättern und Knospen der Bäume herum. An sich ist das ja auch kein Problem, ihnen schmecken nur manche Baumarten besser als andere und die verschwinden dann langsam aus unseren Wäldern. Wenn Ihr mehr zu dem Thema erfahren wollt, gibt es eine ganze Artikelserie allein zu dem Thema “Wieso wir jagen (müssen)” und besonders der dritte Artikel dieser Serie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Jagd auf die Biodiversität.

Hier seht Ihr die Schäden, die das Schälen des Rotwildes an Fichten verursachen kann.

Ideen für die Biodiversität

Das klang jetzt alles ein wenig düster und deprimierend, aber zum Glück gibt es viele Dinge, die wir tun können – und die auch schon getan werden! Zurzeit gibt es einige Forschungsprojekte, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, welche Baumarten gut gemischt werden können. In Bezug auf die Holzwirtschaft ist das hilfreich zu wissen, da manche Bäume produktiver sind, wenn sie mit bestimmten anderen Arten gemischt werden. Ein weiterer netter Nebeneffekt des Mischwaldes sind die zusätzlichen Arten, die dort natürlicherweise Vorkommen im Gegensatz zu Reinbeständen.

Wie oben bereits erwähnt, wissen die Förster:innen, dass Reinbestände zum einen nicht sehr divers sind und zum anderen nicht gut auf die klimatischen Veränderungen reagieren können. Deshalb bemühen sie sich, Reinbestände in Mischwälder umzubauen – das hilft auch der Biodiversität. Außerdem bewirtschaften viele Förster:innen ihre Reviere naturnah, das heißt sie erhalten Strukturen, die Artenvielfalt bedingen. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass die Forstwirt:innen die Kronen der Bäume als Totholz im Wald liegen lassen, weil sich viele Käfer- und Pilzarten dort wohlfühlen. Außerdem lassen Förster:innen in unregelmäßigen Abständen knorrige, alte Bäume (auch Biotop- oder Habitatbäume genannt) stehen oder auch Baumgruppen, die eine Vielzahl an Mikrohabitaten zu bieten haben. Dieses Prinzip wird “Trittsteinkonzept” genannt und viele Tiere freuen sich über diese Oasen im Wald.

Wusstest Du schon…?
Schon so etwas Simples wie ein festes Netz an Rückegassen kann helfen, die Biodiversität in einem Wald zu erhalten. Die Mikroorganismen im Boden mögen es nämlich gar nicht, vom Harvester überfahren zu werden, deswegen sollten wir möglichst viel vom Waldboden in Ruhe lassen.

Viele Insekten freuen sich über Mikrohabitate – so wie diese Biene im Bärlauch!

Schutz in nicht-bewirtschafteten Wäldern

Bisher haben wir uns angeschaut, welche Möglichkeiten Förster:innen in ihrem Alltag haben, um Biodiversität zu fördern und zu erhalten. Wenn wir weg von den bewirtschafteten Wäldern schauen, gibt es ebenfalls viele Möglichkeiten, die biologische Vielfalt effektiv zu schützen. Um die genetische Vielfalt zu sichern, sind Wildbrücken zum Beispiel sehr praktisch. Sie können den Austausch zwischen verschiedenen Populationen ermöglichen. Für den Artenschutz wäre ein Ansatz zum Beispiel der Schutz von sogenannten “Schirmarten”. Eine Schirmart ist eine Art, die spezielle Bedingungen zum Überleben braucht. Andere Arten sind da genügsamer in ihren Ansprüchen. Schützen wir beispielsweise den Grünspecht (unsere Schirmart), schützen wir den Schwarzspecht, die Hohltaube und Wildbienen, die auf Totholz spezialisiert sind, gleich mit. 

Den letzten Aspekt der Biodiversität – die Vielfalt der Ökosysteme – schützen wir am besten indem wir möglichst viele unterschiedliche Lebensräume und Habitate schützen und erhalten. Das heißt, neben Naturschutzgebieten, in denen der Prozessschutz herrscht (keine Eingriffe des Menschen, die Natur entwickelt sich von ganz allein), müssen wir auch die Kulturlandschaft (von Menschen geprägte Landschaft) schützen und erhalten. Für möglichst verschiedene Arten brauchen wir auch möglichst verschiedene Lebensräume. Hutewälder, Moore, Auwälder, klassische Buchenwälder – alle gehören zu einer vielfältigen Landschaft dazu.
Ihr merkt bestimmt, Biodiversität im Wald ist ein kompliziertes Thema und dieser Artikel hat selbst erst an der Oberfläche gekratzt. Aber das Schöne ist, es ist sehr einfach mit zu helfen! Ihr könnt in Eurem Garten zum Beispiel ein Insektenhotel bauen oder (die entspannte Variante) einfach ein wenig Totholz rumliegen lassen. Schreibt uns doch in die Kommentare, wofür Ihr Euch entschieden habt!

Quellen:

https://www.bmz.de/de/service/lexikon/biodiversitaet-14106

https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/naturschutz/13654.html

https://www.fnr.de/presse/pressemitteilungen/aktuelle-mitteilungen/aktuelle-nachricht/auf-einen-blick-alle-leistungen-des-oekosystems-wald

https://www.cell.com/trends/ecology-evolution/fulltext/S0169-5347(21)00197-X

https://www.geo.de/natur/tierwelt/klimawandel-veraendert-aussehen-von-tieren-30723346.html

https://www.kiwuh.de/service/wissenswertes/wissenswertes/biodiversitaet-im-wald

https://www.fnr.de/fileadmin/Projekte/2022/Mediathek/1136_Borkenkaefer_web_2022_bf_final.pdf

https://www.bfn.de/zerschneidung-und-wiedervernetzung

https://www.geo.de/natur/tierwelt/siedlungen-und-strassen-treiben-inzucht-bei-rotwild-voran-35711080.html

https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/waldbau/waldumbau/bedeutung-der-biodiversitaet

https://ulrich-mergner.de/das-trittsteinkonzept

https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/naturschutz/monitoring/biodiversitaet-auf-ganzer-flaeche

https://www.artenschätze.de/das-konzept/strategie/schirmarten

https://www.artenschätze.de/artenschaetze/detail/gruenspecht

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/amphibien-und-reptilien/amphibien/artenportraets/10637.html

https://www.waldkulturerbe.de/service/wissenswertes/wissenswertes-detail/natur-und-artenschutz-im-wald

https://ediss.uni-goettingen.de/handle/11858/13992

Fischer, F., Oberhansberg, H. and Steffens, D. (2020) Was hat die Mücke je für uns getan? endlich verstehen, was biologische Vielfalt für unser Leben bedeutet. München: oekom verlag.

Vorlesung der Georg-August-Universität Göttingen, Prof. C. Ammer, Modul Waldbau

Vorlesung der Georg-August-Universität Göttingen, Dr. I. Lusebrink, Modul Forstentomologie